Wimmer´s monthly 01/2010
Von politischer Vollmundigkeit und jugendlichem Elend
Zu Beginn des zweiten Jahrtausends, im März 2000, verabschiedeten die europäischen Staats- und Regierungschefs auf einem Sondergipfel die sogenannte Lissabon Strategie mit dem Ziel, Europa bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen.
Um den Übergang zu einer wissensbasierten Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren, verpflichteten sich damals die politischen EntscheidungsträgerInnen, „das europäische Gesellschaftsmodell zu modernisieren, in die Menschen zu investieren und die soziale Ausgrenzung zu bekämpfen, um damit die Voraussetzungen für Vollbeschäftigung zu schaffen“.
Dazu sollten im Bereich der Bildung u. a. die Humankapitalinvestitionen pro Kopf von Jahr zu Jahr substantiell gesteigert werden. Die Zahl der 18- bis 24jährigen, die lediglich über einen Abschluss der Sekundarstufe I verfügen und keine weiterführende Schul- oder Berufsausbildung durchlaufen, sollte bis 2010 halbiert werden. Die Mobilität von SchülerInnen und StudentInnen, LehrerInnen sowie Ausbildungs- und Forschungspersonal sollte durch eine optimale Nutzung der bestehenden Gemeinschaftsprogramme gefördert werden. Schulen und Ausbildungszentren sollten alle über einen Internetanschluss verfügen und zu lokalen Mehrzweck-Lernzentren weiterentwickelt werden. Dazu wären vor allem die Methoden einzusetzen, die sich am besten eignen, um ein möglichst breites Spektrum von Zielgruppen zu erreichen.
Als sich die gewünschten beschäftigungspolitischen Effekte nicht einstellten wollten, kam es auf der Frühjahrstagung des Europäischen Rates im Februar 2005 zu einem Relaunch, der sich im Grundsatzpapier „Zusammenarbeit für Wachstum und Arbeitsplätze – Ein Neubeginn für die Strategie von Lissabon“ niederschlagen sollte.
Wieder wurde angekündigt, mehr in das Humankapital investieren, um damit das Bildungsniveau vor allem der jungen europäischen BürgerInnen zu verbessern. Zusätzlich wurde die Verabschiedung eines Gemeinschaftsprogramms zu lebenslangem Lernen in Aussicht gestellt, die den Erwerb von Schlüsselkompetenzen in den Mittelpunkt rücken sollte. Die EU - Mitgliedstaaten wurden beauftragt, 2006 für diesen Bereich eigene nationale Strategien zu entwickeln und umzusetzen.
Vom Skandal der strukturellen Vernichtung von Lebenschancen junger Menschen
Und das Ergebnis? 2006 waren fast 40% aller Arbeitslosen in der EU zwischen 15 und 29 Jahren alt; ein Trend, der sich im Zuge der Wirtschaftskrise noch einmal dramatisch verschärft hat: Im Oktober 2009 lag der durchschnittliche Arbeitslosenrate für junge EuropäerInnen unter 25 Jahren in allen 27 Mitgliedstaaten bei rund 20,7% (und damit doppelt so hoch wie die durchschnittlichen Prozentsätze aller Altersgruppen). Dieser Wert erhöhte sich zudem zwischen 2008 und 2009 noch einmal um 4,5%. In Spanien sind mit mittlerweile mit 42,7% fast die Hälfte aller Jugendlichen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. „El Pais“ spricht von einer „Generation Null“ weil diese „Null Arbeitschancen“ hat. Gefolgt wird Spanien von Lettland mit 33,6%, Irland 28,4% und Frankreich mit 24,7%. Junge Menschen in Österreich kommen da mit knapp über 10%, auch im Vergleich mit deutschen Jugendlichen (rund 15%) noch vergleichsweise glimpflich davon.
Man kann es drehen wie man will, aber diese Zahlen lassen nur einen Schluss zu: die weitgehend national zu verantwortenden europäischen Bildungspolitiken in den letzten zehn Jahren sind krass gescheitert. Da werden ganz offensichtlich die Potentiale von Millionen junger Menschen vernichtet. Das ist menschenunwürdig, weil hier massenhaft persönliche Lebensperspektiven zerstört werden und es bedeutet eine mutwillige volkswirtschaftliche Vergeudung. Damit wird genau das Humankapital vernichtet, welches ausgebildet und genutzt werden sollte, um den wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum zu verwirklichen.
Natürlich ist da das Argument der negativen Folgen der weitgehend unvorhergesehenen Finanz- und Wirtschaftskrise, die alle gut gemeinten Pläne über den Haufen geworfen hätte. Aber die Krise betrifft nicht nur Europa; sie hat auch im Rest der Welt ihre bedrohlichen Spuren hinterlassen. Und doch sind die außereuropäischen Ökonomien drauf und dran, Europa in die Defensive zu drängen. Spätestens mit dem Klima-Gipfel in Kopenhagen wurde augenscheinlich, dass Europa weiter denn je davon entfernt ist, eine globale Führungsrolle einzunehmen. Ganz im Gegenteil, der Einfluss des alten Kontinents ist im Verblassen. Das wird besonders in den politischen Reden europäischer PolitikerInnen deutlich, die zuletzt in einem zunehmend alarmistisch - eurozentristischen Ton vor den Bedrohungen durch die aufsteigenden Ökonomien in Asien warnen.
Irgendetwas scheint da in den Bildungssystemen grundsätzlich falsch gelaufen zu sein. Eigentlich braucht man ja nur einen Blick auf die nach wie vor weitgehend an den Erfordernissen der Industriegesellschaft orientierten Organisationsformen werfen, die die nationalen Schulsysteme bis heute beherrschen. Wir spüren ganz unmittelbar, das funktioniert nicht mehr: Da wird nicht für die Zukunft, da wird für eine verklärte Vergangenheit ausgebildet. Und so sehen wir weitgehend tatenlos zu, wie einerseits eine offenbar politisch nicht überwindbare Lobby in gesicherter Lebensstellung für die unbedingte Beibehaltung der überkommenen Strukturen kämpft, während andererseits die Konsequenzen den jungen Menschen (und deren Familien) aufgelastet werden, die selbst schauen müssen, wie sie mit ihrer wachsenden Orientierungslosigkeit zurecht kommen.
Das kann auf die Dauer nicht gut gehen, weil es nicht nur eine weitere Abwärtsbewegung der europäischen Wirtschaften impliziert sondern auch einen wachsenden politischen Sprengstoff birgt: Die derart an den Rand gedrängten jungen Menschen werden sich diese strukturelle Benachteiligung gegenüber den älteren Generationen auf Dauer nicht gefallen lassen; sie werden mit guten Argumenten revoltieren.
Von der Hoffnung auf eine Götterdämmerung
Das scheint auch den politisch Verantwortlichen in Brüssel zu dämmern, wenn sie in den aktuellen Konsultation über die künftige EU-Strategie bis 2020 u .a. ein Überdenken der Bildungssysteme und der Arbeitsmärkte fordern. Sie setzen auf eine Dynamik in Europa, die die BürgerInnen in die Lage versetzen soll, ihr innovatives und kreatives Potenzial freizusetzen; in der Erwartung, durch eine Stärkung der Bildungssysteme Ungleichheit und Armut effektiv bekämpfen zu können. Kritisiert wird die Vielzahl schlechter Leistungen bei den Grundfertigkeiten (Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften). Dagegen seien Maßnahmen zu ergreifen, um die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen zu verbessern und sie nach der Schule in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das Augenmerk sollte stärker auf gefährdete Gruppen, die Gleichstellung von Frauen und Männern sowie den sozialen Zusammenhalt gelenkt werden, um allen gleichermaßen den Zugang zu Bildung und Fortbildung zu ermöglichen.
Bei allen guten Absichten droht hinter den Absichten einer solchen „Stärkung der Bildungssysteme“ eine More-of-the-same-Strategie, die das Gegenteil von dem erreicht, was sie beabsichtigt. Immerhin weist der Anspruch, die kreativen Potentiale möglichst aller jungen EuropäerInnen zu fördern auf den Bedarf eines grundlegenden Wandels einer schulischen Lehr- und Lernkultur hin. Im Mittelpunkt stünden damit nicht mehr die institutionellen Erfordernisse sondern die spezifischen Eigenarten, damit die Begabungen und Fähigkeiten jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin.
Wahr ist, dass Schulen heute den wachsenden Individualisierungserfordernissen nur sehr ungenügend entsprechen, in dieser Organisationsform auch gar nicht können (bzw. nicht wollen). Die Konsequenz besteht im massenhaften frühzeitigen Ausschluss der jungen Menschen, für die man sich – Existenzgefährdung hin oder her – dann auch nicht verantwortlich fühlen will.
Vom Abschied traditioneller Wirtschaftsparadigma
Wenn schon das Schicksal der Vielzahl ausgeschlossener junger Menschen die bildungspolitisch Verantwortlichen nicht hinreichend berührt, dann vielleicht Überlegungen von Wirtschaftspolitikern, die sich unter dem Schlagwort „Jenseits des Bruttoinlandsprodukts“ auf die Suche begeben, den Fortschritt in einer Welt im Wandel neu und damit lebenshaltiger zu bestimmen (siehe dazu ein EU-Kommissionspapier aus dem Sommer letzten Jahres). Die bisherigen Antworten laufen darauf hinaus, die traditionellen Vorstellungen wirtschaftlichen Fortschritts zumindest zu relativieren, welche ausschließlich auf der Basis von auf „Immer-Mehr“ gerichteten abstrakten Größen (was in der Regel auf ein Mehr für einige Wenige und ein Weniger für die Vielen hinausläuft) standen. Immerhin erscheinen auf der Grundlage der gegenwärtigen globalen Krisenerscheinungen ausschließlich eindimensional wirtschaftlich definierte bzw. an der Vermehrung von Kapital orientierte Fortschrittszahlen immer weniger relevant, wenn es um die Vermeidung soziale Ungleichheit geht. Zunehmend aber auch, wenn es um die persönliche Erwartung und Erfahrung von Wohlbefinden und Lebensqualität der europäischen BürgerInnen geht.
Das bedeutet aber folgerichtig, dass die schulische Zurichtung junger Menschen auf einen Arbeitsmarkt, der immer weniger Bedarf an massenhaft austauschbaren Qualifikationen anmeldet, weiter abnehmen wird. Gefragt sind zunehmend Arbeitskräfte, die in der Lage sind, nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern ihre Persönlichkeit, ihre Haltungen und Wertvorstellungen in die wirtschaftlichen Prozesse einzubringen, um die von ihnen geschaffenen Produkte bzw. erbrachten Dienstleistungen so aufzuladen, dass sie den Erwartungen einer ebenso individualisierten Kundschaft zu entsprechen vermögen. Dass dabei die ästhetisch-sinnliche Dimension eine zunehmend entscheidende Rolle spielt, kann vor allem die Mehrheit von 60% aller UnternehmensvertreterInnen bestätigen, die in der Aufrechterhaltung einer entindividualisierenden und damit autoritären, auf Angst und unbedingte Gefolgschaft ausgerichtete Unternehmenskultur keine Zukunft sehen.
Das aber bedeutet, in einer künftigen EU-Strategie dem Thema kultureller Bildung als Motor für eine, auf umfassende Persönlichkeitsbildung basierenden Neuen Lehr- und Lernkultur einen zentralen Stellenwert einzuräumen. Als ein kleiner Lichtblick kann dazu vermerkt werden, dass kulturelle Bildung zumindest auf der europäischen Kulturagenda, leider noch nicht auf der wesentlich einflussreicheren Bildungsagenda angekommen ist, zumal sich dort die Kräfte konzentrieren, die glauben, die Bildungsregimes zur Rationalisierbarmachung von Erziehung müssten um fast jeden Preis beliebig fortgesetzt werden.
An dieser Schimäre werden die jungen EuropäerInnen wohl noch für einige Zeit zu leiden haben. Die Geschichte wird zeigen, ob der Kontinent einen solchen Irrglauben noch lange auszuhalten vermag.
