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	<title>EDUCULT</title>
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		<title>Ich, ich, ich oder Als der Krise der Sinn abhanden kam</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Feb 2012 17:02:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bsemmler</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Meist bemerke ich sie gar nicht; aber diesmal sind sie mir wieder aufgefallen, die gezwungen freundlichen jungen Menschen, die den Passagieren auf dem Weg zum Ausgang mit mehr oder weniger nettem Lächeln die Zeitung „wien live“ in die Hand drücken wollen. Die meisten nehmen sie gar nicht zur Kenntnis und gehen – bereits zugedröhnt von irgendwelchen Werbedurchsagen – an ihnen vorbei.<br /><br />Weil wir gerade aus Spanien zurückkommen, wo mittlerweile bereits rund 50% der jungen Menschen arbeitslos sind, könnte man meinen, dass die VerteilerInnen es hier in Wien doch noch gut getroffen haben. Sie haben immerhin einen Job. Und doch denke ich mir – wenn ich in die leeren Augen schaue – dass hier nicht in erster Linie der kulturelle Reichtum der Stadt Wien, sondern eine unglaubliche Verschleuderung von menschlichen Fähigkeiten zur Schau gestellt wird. Da werden junge Menschen, die von ihren Eltern mühsam auf den Weg gebracht wurden, die viele Jahre und vielleicht sogar eine Universitätsausbildung hinter sich gebracht haben, auf einen Handgriff reduziert, der auf der Grundlage einer immer wieder verweigerten Kommunikation stattfindet. Und wir finden das mittlerweile ganz normal und gehen weiter.<br /><br />Es gibt Schlimmeres, werden Sie einwenden. Und in der Tat spricht nichts dagegen, dass auch gut ausgebildete junge Menschen einfache Arbeiten verrichten sollen; es ist die hier demonstrativ vorgeführte Sinnentleerung, die mich die Frage nicht zurückhalten lässt, ob diese Menschen nicht etwas Besseres zu tun haben bzw. zu tun haben könnten oder sollten. <br /><br /><strong>Ich bin, also verdiene ich</strong><br /><br />Die Vermutung, dass es sich bei dieser Form der Sinnentleerung nicht um einen isolierten Einzelfall handelt, kam mir ausgerechnet in der Sauna des Hotels, in dem ich die Semesterferien mit meiner Familie verbracht habe. Die Zwangsintimität der Situation öffnet ja so manchen Mund und daher ist man als stumm Schwitzender den Logorrhoe getriebenen Ergüssen der übrigen ungeschützt ausgesetzt, auch wenn diese mehr über den Redner aussagen, als diesen lieb sein kann. <br /><br />Meine Erfahrungen in der Saunakammer lassen sich als Staunen über den Stand kollektiver Ichbezüglichkeit zusammenfassen: In immer neuen Wellen redete jeder von sich, was sie nicht alles gemacht haben, was sie demnächst machen werden, und vor allem, wie sehr sie sich das alles verdient haben und wie sehr es ihnen zusteht. Das ergab einen lauten gemeinsamen Generalbass all dieser Selbstauskünfte: Wir haben etwas zu verteidigen und wir werden es – wenn notwendig – mit den erforderlichen Mitteln tun.<br /><br />Nun könnte man sagen, eine solche Konzentration auf das eigene Ich und dessen Wohlbefinden ist doch nur zu natürlich für all diejenigen, die intuitiv spüren, dass die wachsenden Verteilungskämpfe drauf und dran sind, ihre mühsam erkämpften Privilegien zu bedrohen. Die Sinnentleerung ergab sich für mich vor allem daraus, dass es außer der stereotypen Wiederholung des Anspruchs „Ich bin, also verdiene ich“ ganz offensichtlich nichts zu sagen gab. Es war mir, als wäre alles, was über die eigene Selbstaffirmation hinauszureichen drohte, in einen dicken Mantel des Schweigens gehüllt. <br /><br />Im jüngsten Roman des französischen Autors Michel Houellebecq „Karte und Gebiet“ heißt es, „ein Ascheschleier schien sich über den Geist der Menschen gelegt zu haben“. Dieser lasse das Interesse an so etwas wie „Gemeinsinn“ vergessen. Als wären sie dem Roman entsprungen, agierten die Mitwirkenden dieses Saunaexperimentes als unfreiwillige Zeugen einer auf Autopilot geschalteten „modernen Gesellschaft“, die sich in den starken Worten von Houellebecq „als ein tumbes gefräßiges Monster durch die Zeit wälzt, alles Fremde einverleibt und symbolisch verspeist“, während der dahinterliegende Sinn (bzw. Unsinn) dieser Entwicklung hinter dem apostrophierten Ascheschleier zu versinken droht.<br /><br />Eigentlich gespenstisch, wie da in Europa ein zunehmend unkoordinierter Transformationsprozess stattfindet, der noch vor wenigen Jahren als undenkbar angesehen wurde und doch die Existenzgrundlagen von immer mehr Menschen nachhaltig verschlechtert, ohne nochmals eine breitere Diskussion zu evozieren, die in der Lage wäre, die Voraussetzungen für eine neue Generation nicht nur von fiskalischen und ökonomischen, sondern von politischen Interventionsformen zu schaffen. <br /><br />Was bleibt, ist ein kollektives „Rette sich, wer kann“ in und außerhalb der Sauna. Eine gute Grundlage für Houellebecqs rückwärtsgewandte Vorstellungen, wenn er in seinem Roman eine neue Klassengesellschaft entstehen lässt, in der den Vielen der Zwang zukommt, sich durch Abfallberge zu wühlen, um in den ausufernden Banlieues (der Ausdruck kommt von „Bannmeile“) von Paris zu überleben. <br /><br /><strong>Vom Leiden und vom Vergessen</strong></p>
<p>Aber noch sind wir nicht ganz so weit: Bei unserem Spanienaufenthalt erzählte mir eine Kollegin von der Frage ihres 16jährigen Sohnes, wieso es denn möglich sei, dass solche Entwicklungen wie zur Zeit in Griechenland, die so viele Menschen ins Elend stürzen würden, überhaupt stattfinden könnten, wer dafür verantwortlich sei und wie sie verhindert werden könnten? Und sie musste zugeben, dass sie in ihren Erklärungsversuchen wesentlich auf eine veröffentlichte Meinung angewiesen sei, die sie immer häufiger auf das Glatteis einseitiger Zuschreibungen bzw. Stereotypien führen würde. Jedenfalls fühle auch sie sich vor allem verunsichert, ja verängstigt, was es ihr zunehmend schwer mache, einen Sinn in dem, was da gerade passiert, zu erkennen. Ihr bleibe, wie vielen ihrer ZeitgenossInnen, unter der gegenwärtigen Situation zu leiden, und – wenn möglich – die Auswirkungen nicht all zu nah herankommen zu lassen.<br /><br />Nun war es ja zu keiner Zeit einfach, „die Verhältnisse“ richtig einzuschätzen. Das, was mir so besonders an der aktuellen Situation zu sein scheint, ist die spezifische Ungleichzeitigkeit von Möglichkeits- und Wirklichkeitsform. Das beginnt mit den technologischen Errungenschaften, die uns – wie nie zu vor in der Geschichte – ein ausdifferenziertes Instrumentarium an die Hand geben, die Welt zu erfahren, zu nutzen und sich mit seiner/ihrem Umfeld in sinnstiftende Beziehungen zu setzen.<br />Und doch haben diese – jedenfalls bislang – nicht zur massenhaften Freisetzung von Subjekten geführt, die bereit und willens wären, mit ihren ausdifferenzierten Persönlichkeitsstrukturen den Sinnhaushalt der modernen Gesellschaften nachhaltig zu bereichern. Ihre Prototypen sitzen stattdessen in der heißen Kammer und erzählen – ausschließlich – von sich.<br /><br />Für Peter Handke, zugegeben auch er ein perennierender Kulturpessimist, hat die erhoffte Emanzipation des modernen Subjekts nicht stattgefunden. Was er in seinem Roman „Der große Fall“ stattdessen konstatiert, das sind „Typen, nur noch Endverbraucher, Trademarks auf zwei Beinen, Mountainbiker, Jogger, Gerätebenutzer“. Jedenfalls alles andere als gute Zuschreibungen für das Näherkommen an eine Möglichkeitsform, in der sich souveräne BürgerInnen auf die Produktion von sinnstiftender Gesellschaftlichkeit verstehen.<br /><br />Aber nicht nur die technologischen Gestaltungsspielräume, auch die Bildungsvoraussetzungen haben sich, ganz besonders in Europa, nicht nur für eine kleine Elite, sondern für weite Teile der Bevölkerungen in den letzten Jahren nachhaltig verbessert. Das hat freilich nicht dazu geführt, dass diese Bildungsinnovationen in offensiver Weise für die Schaffung von überindividueller Sinnstiftung (um nicht zu sagen Politisierung) genutzt würden. Geht es jedenfalls nach dem Essayisten Karl-Markus Gauß, dann gibt es einen gegenteiligen Trend. Er weist in seinem jüngsten Essayband „Ruhm am Nachmittag“ von der Bildung direkt zur Dummheit: „Die alte Elite, das Bündnis von Geld, Bildung und Privilegien, war eine schauerliche Sache. Die neue Elite, das Bündnis von Geld, Dummheit und Korruption, ist nicht weniger widerlich.“<br /><br /><strong>Warum mit Hochtechnologie immer nur Suppe kochen</strong></p>
<p>In jedem Fall haben die verbesserten Bildungsstände nicht dazu geführt, sie für eine neue Generation handlungsleitender Zukunftsvorstellungen zu nutzen. Mit bleibt der Vergleich der erreichten Bildungsniveaus zu hoch aufgerüsteten technischen Geräten, die mittlerweile über eine Vielfalt von Funktionen verfügen und doch – siehe unsere „wien live“-VerteilerInnen – immer nur zum Aufwärmen von Suppe genutzt werden.<br /><br />Es war Margret Thatcher, die während ihrer Amtszeit als britische Premierministerin den Satz „there is nothing like society“ nicht nur geprägt, sondern auch zum Ausgangspunkt ihres politischen Programms gemacht hat. Ihr zur Seite ist mittlerweile eine Heerschar von Moderne-KritikerInnen getreten, die – siehe Houellebecq oder Handke – davon ausgehen, die Moderne hätte sich zu Tode gesiegt, es sei Zeit für einen neuen Epochenbeginn, der die Frage des jungen Spaniers, wie es zu dem Griechenland-Desaster hat kommen können, erst gar nicht mehr aufkommen lassen wird. Vom Ergebnis konnte ich mich auf den Saunabänken im wahrsten Sinn hautnah überzeugen.<br /><br />Wie immer das Experiment am offenen Körper, das zur Zeit in Europa hinter dem apostrophierten „Ascheschleier“ verhandelt wird, ausgehen wird, die Auswirkungen, die sich mit einer vorschnellen Verabschiedung von so etwas wie „moderner Gesellschaft“ als kollektives Emanzipationsprojekt (dessen Pathologien zuletzt Axel Honneth nochmals eindrucksvoll in seinem Buch „Das Recht der Freiheit“ analysiert hat) möchte ich mir gar nicht vorstellen. <br /><br />Sie gibt es freilich nicht umsonst und sie kommt auch nicht von alleine. Als Ergebnis  einer immer wieder erneuerten inhaltlichen Ausgestaltung bemisst sich ihre Tragfähigkeit in erster Linie darin, das Interesse der BürgerInnen nicht nur an sich, sondern in gleicher Weise an der Gesellschaft wach zu halten, und damit inwieweit sie bereit sind, sich an der dafür notwendigen Sinnproduktion auch aktiv zu beteiligen.<br /><br />Vielleicht ist das ja der wichtigste Inhalt des Konzeptes zum „Lebensbegleitenden Lernen“, bei dem sich die Lernenden nicht darauf beschränken, einmal erworbene Bildung als zunehmend fragwürdigen Statusvorteil für den Rest des Lebens zu verteidigen, sondern bereit sind, sich in einem Leben einzurichten, das getragen ist von einem lebenslangen Interesse an dem, was um uns herum passiert, wie es passiert, um dazu eine nachvollziehbare Haltung zu entwickeln.<br /><br />Dazu könnte Meryl Streep als Darstellerin von Margret Thatcher im Film „The Iron Lady“ das Motto geschrieben haben: „And I am fucking happy to be here.“<br /><br /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Wenn der Südwind herüberweht</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2012 11:10:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bsemmler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blog]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei einem der Round Tables, die EDUCULT für unsere Recherche in Sachen „Ruhratlas“ durchgeführt hat, berichtete ein Musikschuldirektor von den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei einem der Round Tables, die EDUCULT für unsere Recherche in Sachen <a href="http://www.educult.at/featured/ruhratlas-kulturelle-bildung/" target="_blank">„Ruhratlas“</a> durchgeführt hat, berichtete ein Musikschuldirektor von den Auswirkungen des Projektes <a href="http://www.jedemkind.de/" target="_blank">„JeKi &#8211; Jedem Kind ein Instrument&#8221;</a> auf sein Haus. Traditionell beschränke sich das Angebot seines Hauses auf die Erwartungen bürgerlicher Familien, deren Kinder dank eines fördernden Elternhauses ein musikalisches Vorverständnis mitbrächten, das es zu pflegen und weiterzuentwickeln gelte. Mehr oder weniger bewusst wurde dabei eine Auswahl von rund 2% musikalisch begabter junger Menschen getroffen, die als geeignet angesehen wurden, die Stafette der klassischen Musiktradition weiterzutragen. Die LehrerInnen vermochten so auf der Grundlage eines musikalischen Selbstverständnisses zu unterrichten, das von den SchülerInnen unmittelbar verstanden und daher auch nicht groß in Zweifel gezogen wurde.<br /><br />Mit der Großaktion „Jedem Kind sein Instrument“, die seit 2006/07 vom Land Nordrhein-Westfalen zusammen mit einigen großen deutschen Stiftungen ausgerichtet wird (und mittlerweile auch in anderen deutschen Bundesländern durchgeführt wird), sollten diese Arbeitsgrundlagen der MusikschullehrerInnen nachhaltig erschüttert werden. Ab sofort galt es, sich vom Anspruchsdenken einer ausgewählten Klientel zu verabschieden und sich statt dessen auf musikalische Lernprozesse einer Mehrheit junger Menschen einzulassen, die von zu Hause ganz andere, in jedem Fall sehr unterschiedliche kulturelle Prioritäten mitbringen. Und das nicht mehr mit einigen wenigen, sondern mit vielen, im Idealfall mit allen.<br /><br />Eindrücklich wies uns der Musikschuldirektor darauf hin, welche Herausforderung dies für „seine“ LehrerInnen bedeute, die sich auf ganz neue Kommunikationsprozesse einlassen müssten und nicht mehr „automatisch“ davon ausgehen könnten, dass ihre musikalischen Botschaften über die sozialen Grenzen hinweg so verstanden würden, wie sie das bisher als selbstverständlich annehmen könnten.<br /><br />Nun nimmt „JeKi“ wie mittlerweile viele andere europäische Musikvermittlungsinitiativen gerne Bezug auf <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sinf%C3%B3nica_de_la_Juventud_Venezolana_Sim%C3%B3n_Bol%C3%ADvar" target="_blank">„El Sistema“</a>, einer venezolanischen Jugendorchester-Bewegung, die beispielhaft das Erlernen klassischer Musik für die soziale Integration junger Menschen in gefährdeten Lebensumständen nutzt. Erfreulich dabei ist sicherlich die Umkehrung des Entwicklungsgedankens, der diesmal nicht ein weiteres Mal ein europäisches Modell in Lateinamerika implementieren möchte sondern den dortigen Hype für die Promotion von neuen Vermittlungsinitiativen im traditionsreichen alten Kontinent nützt. <br /><br />Schwieriger erscheint das weitgehende Negieren der unterschiedlichen sozialen Bedingungen, in denen Lernen mit Musik stattfindet. Denn – so der Musikschuldirektor – das größte Problem für die Lehrenden bestünde darin, überhaupt einen Draht zu „jedem Kind“ zu finden, wenn es darum geht, deren musikalische Vorlieben verstehen oder gar schätzen zu lernen, die oft so gar nicht mit den eigenen übereinstimmen. Für ihn wurde bald klar, dass die MusikschullehrerInnen mit den eingeübten Methoden der Musikvermittlung angesichts der neuen Zielgruppen rasch ins Leere laufen würden; dass sie stattdessen mit einem „sozialen G’spür“  ausgestattet werden müssen, um auf einer vertrauensvollen Basis zum Teil ganz neue und ungewohnte Lernprozesse in Gang zu setzen. Ein Prozess, der – wie er meint – trotz der beeindruckenden Laufzeit von mittlerweile mehr als  fünf Jahren bis heute nicht abgeschlossen ist.<br /><br /><strong>Das „Projekt Südwind“ der Musikschule Linz</strong><br /><br />Daran habe ich mich erinnert, als ich vorige Woche einen <a href="http://oe1.orf.at/programm/294712" target="_blank">„Klassik Treffpunkt“</a> auf Ö1 gehört habe, zu dem Otto Brusatti einige LehrerInnen der größten Musikschule Österreichs in Linz eingeladen hatte. Diese Musikschule hatte 2010 eine Recherche zur Herkunft ihrer SchülerInnen durchgeführt und war – analog der Situation in Nordrhein-Westfalen und daher wenig überraschend – zum Ergebnis gekommen, dass ihr Angebot in erster Linie von jungen Menschen aus eher wohlhabenden und alteingesessenen Linzer Familien in den Bezirken Linz Urfahr und Linz Zentrum wahrgenommen würde, während sich Jugendliche bzw. deren Eltern aus dem Süden, die wesentlich schwierigeren sozialen Bedingungen ausgesetzt sind, davon nicht angesprochen fühlten.<br /><br />Um diese „institutionelle Einseitigkeit“ wenn schon nicht aufzuheben so doch in Frage zu stellen, startete die Linzer Musikschule jüngst das <a href="http://www.tips.at/news/linz/land-leute/254162-projekt-suedwind-musikschule-fuer-alle" target="_blank">„Projekt Südwind“</a>, um auf die Kinder (und ihre Familien), die von sich aus nicht auf die Idee kommen würden, eine Musikschule zu besuchen, zuzugehen. In einem ersten Schritt soll das Angebot der Schule in allen südlichen Linzer Volksschulen bekannt gemacht werden. Im Anschluss an den Regelunterricht werden Sing- und Rhythmusstunden angeboten, um „das gemeinschaftliche Musizieren zu intensivieren und ein intensiveres und längeres Interesse am Musikinstrument“ zu fördern.<br /><br />Geht es nach den ersten Erfahrungsberichten, dann zeigt sich auch in diesem Fall, wie herausfordernd es für die MusiklehrerInnen ist, eine gute und belastungsfähige Kommunikation mit den Kindern und Jugendlichen, die den traditionellen Kanon der Werke, die an der Musikschule gelehrt werden, nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, herzustellen. Viele fühlen sich einfach überfordert, wenn es darum geht, das, was ihnen musikalisch wichtig ist, mit Kindern und/oder ihren Eltern zu verhandeln, wenn diese sich davon nicht angesprochen fühlen. <br /><br /><strong>Musik ist wichtig – eine tragfähige Vertrauensbasis über soziale Grenzen hinweg ist wichtiger</strong><br /><br />Auch wenn es schon viele Jahre zurückliegt, so erinnere ich mich noch zu gut an meine Zeit als Jugendbetreuer in den Jugendzentren der Stadt Wien − wie frustrierend es sein kann, wenn die eigenen musikalischen Vorstellungen kraft Autorität nicht quasi automatisch auf Gegenliebe stoßen. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu erkennen, wie wichtig der langsame und mühsame Aufbau eines gegenseitigen Vertrauensverhältnisses ist, das es überhaupt erst möglich gemacht hat, sich da oder dort über die sozialen Grenzen hinweg, über die unterschiedlichen Vorlieben zu verständigen, ohne gleich die eine gegen die andere ausspielen zu müssen. Das war zum Teil harte Arbeit. Aber es war auch eine wunderbare Gelegenheit, in andere kulturelle Erfahrungswelten einzutauchen, zu denen ich ansonsten nie Zugang gefunden hätte. <br /><br />Was von diesen Erfahrungen bleibt, ist die Vermutung, dass es bei diesen Versuchen der sozialen Grenzüberschreitung gar nicht so sehr um die Vermittlung der einen oder anderen musikalischen Fähigkeit bzw. Technik geht, vielmehr um den Aufbau einer gegenseitigen Akzeptanz und Wertschätzung, die in der aktuellen, von wachsender Ungleichheit geprägten gesellschaftlichen Verfasstheit zunehmend abhanden zu kommen droht. Auf diese Weise gegen den Strom zu schwimmen, kann mitunter sehr anstrengend sein und setzt einen langen Atem voraus. In jedem Fall bedarf es sozialer Neugierde, um sich aus den wohlbehüteten musikalischen Bastionen des Nordens in das kulturelle Neuland des Südens zu begeben; eine Qualifikation, die über die Fähigkeit zu unterrichten weit hinausreicht.<br /><br />Ganz offensichtlich wissen die Linzer MusiklehrerInnen um diese Herausforderung; entsprechend lassen sie sich auf ein längeres Verfahren ein, das sie mindestens so verändern wird wie ihre SchülerInnen. Das Lied, das die Kinder im Radio über ihr „Projekt Südwind“ gesungen haben, klang noch sehr nach dem traditionellen Liedgut für die 2% aus Kehlen des großen Restes. Ich kann mir vorstellen, dass in den nächsten Jahren aus Linz noch ganz andere Töne auf uns zukommen.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Medienresonanzanalyse zum Deutschlandjahr in Vietnam</title>
		<link>http://www.educult.at/forschung/medienresonanzanalyse-zum-deutschlandjahr-in-vietnam/</link>
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		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 11:26:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bsemmler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Forschung]]></category>

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		<description><![CDATA[Kurzbeschreibung Das Goethe-Institut möchte mit den Deutschlandjahren wichtige kulturpolitische Impulse setzen. Das Ziel dieses Formats ist es, bei den Adressaten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4><strong>Kurzbeschreibung</strong></h4>
<p>Das Goethe-Institut möchte mit den Deutschlandjahren wichtige kulturpolitische Impulse setzen. Das Ziel dieses Formats ist es, bei den Adressaten des Goethe-Instituts Zugang zu Informationen und das Wissen über Deutschland zu erweitern und zu vertiefen. Anhand einer Medienresonanzanalyse soll die Berichterstattung zum Deutschlandjahr in Vietnam systematisch evaluiert werden, um auf dieser Weise eine Einschätzung zu generieren, ob und in welcher Form dieses Ziel erfüllt wurde.</p>
<h4><strong>Methode</strong></h4>
<p>Die Medienresonanzanalyse hat einen quantitativen und einen qualitativen Anteil. Zunächst erfolgt die quantitative Analyse einer Datenbank, in der sämtliche Print- und Online-Bericht erfasst sind. Im Anschluss wird eine Stichprobe von 50 Artikeln mittels Inhaltsanalyse ausgewertet. Alle erhobenen Daten werden einer abschließenden und zusammenführenden Analyse unterzogen sowie grafisch und inhaltlich aufbereitet.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Ich bin ein Postmigrant! – Kann ich ein Postmigrant sein?</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 11:07:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bsemmler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blog]]></category>

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		<description><![CDATA[2004 hatte EDUCULT die Amsterdamer Kulturstadträtin Hannah Belliot nach Wien eingeladen. Amsterdam zeichnete sich bereits damals durch einen Migrationsanteil seiner [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>2004 hatte EDUCULT die Amsterdamer Kulturstadträtin <a href="http://www.oebv.com/aktiv/veranstaltungen/2004/2004amsterdam-wien.html" target="_blank">Hannah Belliot nach Wien eingeladen</a>. Amsterdam zeichnete sich bereits damals durch einen Migrationsanteil seiner BewohnerInnen von mehr als 50% aus. Aus diesem Grund war es – jedenfalls für die Amsterdamer – nicht ungewöhnlich, dass Belliot über einen surinamesischen Hintergrund verfügte, während ihr Kollege im Bildungsbereich sich auf türkische Wurzeln beziehen konnte. <br /><br />Trotz der langen Tradition des reichen Kulturbetriebs, der seine Begründung im Repräsentationsbedarf eines wohlhabenden Amsterdamer Bürgertums findet, war es für Belliot völlig selbstverständlich, ihre Kulturpolitik auch und vor allem an den kulturellen Bedürfnissen der ZuwanderInnen, die ihren Weg aus mehr als hundert verschiedenen Ländern gefunden hatten, auszurichten. <br /><br />Mit ihren Vorstellungen einer weitgehenden Identität von Kultur- und Migrationspolitik stieß die liberale Politikerin hier in Wien auf weitgehendes Unverständnis. Als wir versuchten, Gespräche zwischen dem bereits damals amtierende Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny und der Integrationsstadträtin Sonja Wehsely zu vermitteln, wussten beide mit diesem Ansatz wenig bis gar nichts anzufangen. „Andere Baustelle“ lautete die Antwort, um Amsterdam als eigenwilligen Sonderfall in einem linksliberal verfassten Holland abzutun.<br /><br /><strong>Es hat lange gedauert – aber auch Wien wird anders</strong><br /><br />Ein paar Jahre und einer Gemeinderatswahl mit bereits stereotyp steigendem Stimmenzuwachs für die Freiheitlichen später ist die Wiener Stadtregierung offensichtlich dabei, ihre damalige Position zu überdenken. Es ist vor allem dem Eintritt der Grünen in die Wiener Stadtregierung zu verdanken, dass sich<a href="http://wien.gruene.at/uploads/regierungsuebereinkommen_gruenrot.pdf " target="_blank"> im Jahr 2010 verabschiedeten Regierungsübereinkommen</a> Sätze wie „Kulturpolitik ist immer auch Integrations-, Sozial-, Jugend-. Frauen- und Bildungspolitik“ (S. 48) finden lassen. Plötzlich sehen die AutorInnen einen besonderen Auftrag in einer „Brückenbaufunktion von Kultur“, wonach Kulturpolitik ihre wichtigste Aufgabe „in einer aktiven Einbeziehung aller kulturellen Identitäten in das kulturellen Leben in Wien“ sieht.<br /><br />Spät und wohl auch als Ausdruck eines politischen Zufalls einer rot-grünen Regierungskoalition (ich kann mir nicht vorstellen, dass mit den Konservativen ein ähnliches kulturpolitisches Grundsatzpapier hätte vereinbart werden können – und an rot-blau oder blau-schwarz in Wien will ich gar nicht denken) scheint eine politische Haltung zumindest temporär mehrheitsfähig, die bereit ist, den Fehdehandschuh der Rechtspopulisten aufzugreifen und deren Trennungs- und Spaltungsversuchen überzeugende Integrationsangebote entgegenzusetzen.<br /><br />Das Beispiel Belliot zeigt, dass Kulturpolitik eine wichtige, wenn auch „nur“ symbolische Rolle zukommen kann, wenn das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Herkünften gelingen soll. Bei den ersten Versuchen, das neue Regierungsüberkommen mit Leben zu füllen, wird deutlich, dass die Stadtpolitik nicht bei Null anfangen kann. Notwendig scheint es vor allem, den Vertrauensverlust, der sich in den letzten Jahren in die kulturellen Szenen eingegraben hat, wettzumachen. Die bisherige Weigerung, die Veränderungen der demographischen Zusammensetzung der Wiener Bevölkerung (und damit auch in den Herkünften von KünstlerInnen) in die kulturpolitische Entscheidungsfindung einzubeziehen, hat tiefe Spuren hinterlassen. <br /><br />So etwa finden es die meisten Kunstschaffenden mit Migrationshintergrund als eine erniedrigende Alibiaktion, dass die Kulturabteilung der Stadt Wien in den letzten Jahren eine Förderabteilung für „Stadtteilentwicklung und Interkulturalität“ eingerichtet hat, die – mit ein paar hunderttausend Euro ausgestattet wurde – Förderungen in Tranchen von max. 5.100 Euro vergibt, während sie in den regulären Förderverfahren als eigenständige KünstlerInnen überhaupt nicht wahrgenommen werden. Dort kommen sie bestenfalls mit klischierten Zuschreibungen als ZuwanderInnen vor, um ihnen so die Chance zu nehmen, als vollwertige Mitwirkende am großen Spiel teilzunehmen. <br /><br /><strong>Von wegen gesellschaftliche Vorreiterfunktion des Kulturbetriebs – Künstlernamen und „institutioneller Rassismus“</strong><br /><br />Viele Betroffene sprechen in diesem Zusammenhang von einem „institutionellen Rassismus“, der KünstlerInnen mit – ganz bestimmten – Zuwanderungshintergründen kaum Chancen gibt, ihre künstlerische Professionalität unter Beweis zu stellen. Statt dessen werden sie – etwa im Theaterbereich entlang ihrer Namen oder ihrer – oft noch dazu falsch interpretierten physiognomischen Eigenarten – als Italiener, Türken oder Nigerianer gerne auf einige wenige Rollen in einschlägigen Milieus als Drogendealer und Kriminelle oder Prostituierte und Zuhälter reduziert.  <br /><br />Themen wie diese sind Gegenstand einer aktuell laufenden öffentlichen Diskussion rund um den Schwerpunkt <a href="http://www.daskunst.at/pimp_my_integration.html" target="_blank">„Pimp My Integration“</a>, der von der KünstlerInnen-Initiative daskunst und der Garage X im Auftrag der Stadt Wien durchgeführt wird. Mit dem Betriff „Postmigrantische Positionen“ nimmt die Veranstaltungsreihe, die vom 26. Oktober 2011 noch bis zum 10. Februar läuft, Anleihe aus der angloamerikanischen Literaturwissenschaft, die über die beispielhafte Initiative Ballhaus Naunynstrasse in Berlin von Shermin Langhoff (die ab 2014 zusammen mit Markus Hinterhäuser die Intendanz der Wiener Festwochen antreten wird) mit dieser Initiative ihren Weg auch nach Wien gefunden hat.<br /><br />Sosehr einzelne Produktionen berühren und begeistern, so zeigt sich in den begleitenden Diskussionen immer wieder ein sehr grundsätzliches Problem, das darin besteht zu klären, wovon eigentlich die Rede ist. Kein Zweifel, es gibt eine Reihe – zum Teil sehr guter – KünstlerInnen mit Zuwanderungshintergrund, die innerhalb des bestehenden Kulturbetriebs benachteiligt werden. Andererseits gibt es auch einige sehr gute KünstlerInnen mit österreichischen Wurzeln, die sich nicht durchzusetzen vermögen. Ja, und es stimmt auch, dass der Anteil der WienerInnen mit Migrationshintergrund mittlerweile rund 40% erreicht hat. Wahr ist aber auch, dass nicht nur unter ihnen der Anteil der regelmäßigen BesucherInnen von Musik-, Oper- oder Theateraufführungen gering ist.<br /><br /><strong>Gibt es so etwas wie eine „postmigrantische Theaterszene“ überhaupt und wenn ja, wer oder was soll das sein?</strong><br /><br />Was ganz offensichtlich nicht nur mich beschäftigt, ist die Frage, ob es zumindest in nuce so etwas wie eine „postmigrantische Theaterszene“ gibt und wenn ja, mit welchen Formen und Inhalten sie sich hinlänglich vom Rest der Theaterlandschaft unterscheidet. Kulturpolitisch wird eine solche theatrale Innovationsgemeinschaft sogar gefordert, wenn etwa der Kultursprecher der Grünen Klaus Werner-Lobo meint, die ZuwanderInnen hätten viele neue Geschichten in die Stadt gebracht; diese fänden bislang nur sehr unzulänglich ihre Repräsentation auf der Bühne und blieben so außerhalb einer breiteren öffentlichen Wahrnehmung. Ein Umstand, den zumindest er ändern möchte.<br /><br />Es gibt aber auch die gegenteilige Position, vor allem aus der Sicht von KünstlerInnen, die es zumindest ein Stück weit in den Betrieb hinein geschafft haben. Gerade erst entkommen von diskriminierenden Zuschreibungen wollen sie sich nicht schon wieder auf eine Projektion für eine defizitäre Zuwanderergemeinschaft reduzieren lassen; ihr Wunsch ist es, ganz im Gegenteil, das Ghetto (post)migrantischer Zuschreibungen endlich zu verlassen, um mit ihren ausschließlich künstlerischen Qualitäten ihren jeweiligen ethnischen Hintergrund hinter sich zu lassen. <br /><br />Ein prononcierter Vertreter dafür ist der Theatermacher Nurkan Erpulat, der in Berlin die umjubelte Theaterproduktion „Verrücktes Blut“ (eine Adaption des französischen Films <a href="http://www.kino-zeit.de/filme/la-journee-de-la-jupe" target="_blank">„La journée de la jupe“</a> mit Isabella Adjani, die gerade im Rahmen einer <a href="http://www.garage-x.at/portal/index.php?option=com_flexicontent&amp;view=items&amp;cid=20:programm-produktionen&amp;id=575:teaser-verruecktes-blut&amp;Itemid=14" target="_blank">Neuinszenierung von Volker Schmidt</a> auch in Wien gezeigt wird. In einem Beitrag im Stadtmagazin Falter mit dem Titel „Integrier mich doch am Arsch!“ meinte er: „Ich glaube allerdings nicht, dass es das Thema „Migration“ gibt. Es gibt nur verschiedene Themen, die damit zu tun haben können; Liebe, Verrat und so weiter“ – also alles Themen, die auch in einem nicht-postmigrantischen Theater von hoher inhaltlicher Relevanz sind.  <br /><br /><strong>Postmigrantische Positionen als neue, innovative Theaterpraxen?</strong><br /><br />Im Ergebnis zeichnen sich offensichtlich zwei, in entgegengesetzte Richtungen drängende, Tendenzen ab, die durchaus unterschiedliche kulturpolitische Konsequenzen haben. Die eine zielt auf so etwas wie eine „eigensinnige“ postmigrantische Haltung, die als eine neue Theaterpraxis den traditionellen Theaterbetrieb hinter sich lassen, um die eigenen Ansprüche am besten zu realisieren. Ihr Ziel ist es, bestehende Diskriminierungen durch Solidarisierung in Stärke zu wenden (- ihre VertreterInnen können sich auf die Erfahrungen derjenigen KünstlerInnen beziehen, die vor 30 Jahren vor den verschlossenen Türen des Kulturbetriebs nicht verzweifeln wollten, sondern statt dessen alternative Realisierungsformen in einer sich sukzessive ausformenden Freien Szene gesucht haben). <br /><br />Diese Haltung wäre offen auch für alle KünstlerInnen mit nicht-migrantem Hintergrund, die im gegenwärtigen Theatermainstream immer seltener einen Spiegel der gesellschaftlichen Realitäten erkennen. Für sie alle würde sich eine neue Arena eröffnen, in der sie sich zugunsten einer neuen Theaterästhetik engagieren könnten. Für die Kulturpolitik bedeutet dies den Aufbau einer geeigneten Infrastruktur, die es den VertreterInnen dieser neuen Kunstrichtung erlaubt, sich innovative Produktionen nicht nur zu wünschen, sondern diese auch zu realiseren.<br /><br />Die andere Tendenz setzt auf den „langen Marsch durch die Institutionen“. Ihr geht es zuallererst um die Öffnung des bestehenden Betriebs, um die künstlerischen Qualitäten von ZuwanderInnen ernst zu nehmen und ihnen die Realisierungsbedingungen innerhalb ihrer Strukturen zu erleichtern. Damit zusammenhängende Vorschläge für kulturpolitische Maßnahmen reichen von „migrant mainstreaming“ bis zu „Quotenmodellen“, die – vor allem anhand kulturpolitischer Praktiken in England – die Mitwirkung von (post)migrantischen KünstlerInnen zumindest in öffentlich geförderten Einrichtungen, wenn nötig, zu erzwingen. Aber auch hier stellt sich zumindest indirekt die Frage der Zugehörigkeit, wenn sich eine positive Diskriminierung immer nur auf eine Gruppe beziehen kann, die als solche hinlänglich bezeichnet ist.<br /><br />Die bisherigen Diskussionen rund um „Pimp My Integration“ geben noch wenig Indizien dafür, um voraussagen zu können, welche der beiden Tendenzen sich (mit welchen Konsequenzen) durchsetzen wird. Vieles deutet darauf hin, dass wir erst am Anfang eines längerfristigen Prozesses sind, dessen Ergebnis wesentlich davon abhängen wird, ob und wie es gelingt, den öffentlichen Diskurs nach dem 10. Februar nicht jäh abbrechen zu lassen. <br /><br />Das Problem könnte aber auch noch ganz wo anders liegen. Die große öffentliche Aufmerksamkeit rund um „Pimp My Integration“ hat den Wunsch aufkommen lassen, die Veranstaltungsreihe über das offizielle Ende hinaus fortzusetzen, vielleicht sogar zu einer ständigen Einrichtung zu machen. Dabei wurde rasch klar, dass das gar nicht so einfach ist, zumal das Reservoir, aus dem ein weiteres Programm geschöpft werden könnte, sich als durchaus überschaubar erweist. Sie plädieren daher in erster Linie dafür, die Nachwuchsarbeit zu verstärken, eine Art Akademie einzurichten, wo postmigrantische KünstlerInnen (durchaus nicht nur SchauspielerInnen und Regisseure sondern auch Dramaturgen) ihre professionelle Ausbildung erhalten.<br /><br />Und jetzt noch ein Tipp für alle mit kulturellen Bildungsfragen Befassten: Bitte schauen Sie sich das Stück „Verrücktes Blut“ an. Besser kann man die Widersprüchlichkeit von Lehrersein zwischen den Klischees von realem Jugendverhalten und idealen Bildungsinhalten nicht auf die Spitze treiben. Seither wirbeln die Stereotypien in meinem Kopf wild durcheinander und zwingen mich nachgerade dazu, weiter darüber nachzudenken.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Nichts geht mehr – geht nichts mehr?</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 12:13:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bsemmler</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die österreichische Medienpolitik der letzten Wochen war geprägt vom Versuch des ORF-Generaldirektors, just am 22. Dezember des Vorjahrs, eine Reihe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die österreichische Medienpolitik der letzten Wochen war geprägt vom Versuch des ORF-Generaldirektors, just am 22. Dezember des Vorjahrs, eine Reihe von wichtigen Positionen zu besetzen. Die Auswahl war ganz offensichtlich mit den politischen Parteien, die Alexander Wrabetz’ zur Wiederwahl verholfen haben, akkordiert. Insbesondere die Bestellung des 25-jährigen Nico Pelinka, der bis dato im Stiftungsrat die SPÖ-Interessen koordiniert hatte, sorgte dafür, dass sich von einem Tag zum anderen eine ganze Nation in einen Club von MedienbetriebsexpertInnen verwandelte, die sich darin überboten, eine drohende parteipolitische Einflussnahme zu verhindern.<br /><br />Und – siehe da – sie konnten sich durchsetzen. Nico Pelinka hat mittlerweile seine Bewerbung zurückgezogen. So weit ich weiß, gilt das nicht für Nutznießer der anderen parteipolitischen Bestellungen; ihre DrahtzieherInnen sind offenbar klüger vorgegangen und vermochten im Getöse um Nico Pelinka unbemerkt ihre Tücher ins Trockene bringen (auf diesen sitzen sie jetzt und können der Galionsfigur Nico die lange Nase zeigen).<br /><br />Und so finde ich heute in den Sonntagsblättern den Bericht, 61% der ÖsterreicherInnen seien der Meinung, der ORF werde – nein, nicht von den Parteien in ihrer Gesamtheit, sondern – ausschließlich von der SPÖ „regiert“. <br /><br />Was wir daraus lernen: Die ÖVP versteht es allemal noch besser, ihre Personalinteressen durchzusetzen, während die SPÖ einmal mehr eindrucksvoll ihr handwerkliches Ungeschick unter Beweis gestellt hat. Ihre StrategInnen (und nur sie) werden künftig – vor allem von einer, weitgehend in konservativen Händen befindlichen Presse – beobachtet werden, wenn sie versuchen, ihre Interessen im ORF durchzusetzen. Und sie muss sich überdies mit dem Image, einer Reihe von ebenso abgehobenen wie ideologiefreien Jungfunktionären die Karriereleiter zu halten, zurande kommen.<br /><br />Eine besondere Brisanz haben die Auseinandersetzungen um den Postenschacher im ORF durch die Proteste vieler RedakteurInnen erhalten. In ihrem Kampf um den Erhalt ihrer in den letzten Jahren errungenen Unabhängigkeit haben sich die MitarbeiterInnen dieses mittlerweile durchaus „alten“ Mediums vor allem mit Hilfe der „neuen“ Medien reüssiert. Ein <a href="http://www.youtube.com/watch?v=o6SzZmMNfNg" target="_blank">Protestvideo auf YouTube</a> erreichte ungeahnte Verbreitung und zwang letzten Endes den desavouierten Generaldirektor zum geordneten Rückzug.<br /><br />Das Video zeigt die solidarischen RedakteurInnen at its best. Sie fordern in ebenso bestimmten wie einfach gehaltenen Worten nicht mehr und nicht weniger als professionelle Rahmenbedingungen, um ihre Aufgaben frei von äußeren Einflüssen wahrnehmen zu können. Sie machten damit den Anspruch deutlich, dass es noch andere als parteipolitische Interessen gibt und diese nicht nur klammheimlich hinter verschlossenen Türen verhandelt werden müssen. Und sie gaben einen Beleg dafür, dass Demokratie eine sehr lebendige Sache sein kann, deren Entscheidungsverfahren nicht per se tröge, intransparent, mühsam und grauslich sein müssen, sondern auch Energie und Mut geben können.<br /><br />Der deutsche Politikwissenschafter Herfried Münkler hat 2010 den Band <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/35035.html" target="_blank">„Mitte und Maß – Der Kampf um die richtige Ordnung“</a> herausgegeben. Darin weist er auf ein spezifisches Problem hin, wenn Gesellschaften allzu sehr versuchen, sich auf eine gemeinsame Mitte zu beziehen. Nun liegen die Vorteile auf der Hand, wenn eine Gesellschaft nicht allzu sehr in verschiedene gesellschaftlich-ideologische Lager gespalten erscheint (gerade die Entwicklung Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiß davon ein leidvolles Lied zu singen). Wenn aber – nicht nur in Österreich – die verschiedenen politischen Lager drauf und dran sind, zu weitgehend ideologiefreien Volksparteien zu mutieren, die ihren Wählerwillen aus einem vermeintlichen Zentrum ziehen, dann können sich schon unangenehme Nebeneffekte ergeben.<br /><br />Der eine begründet sich auf der Fehlannahme, die Mitte der Gesellschaft ließe sich anhand spezifischer Wertvorstellungen des bestimmenden Teils der Gesellschaft ein für alle Mal festlegen. Dem ist aber ganz offensichtlich nicht, wenn vieles dafür spricht, dass sich die Mitte in den letzten Jahren nachhaltig verlagert hat und dabei nach rechts gerückt ist. Das zeigt nicht nur der offenbar unaufhaltbare Aufstieg rechtspopulistischer Parteien (die sich durchaus als Parteien des Volkes und damit einer neu verorteten Mitte anbieten) sondern auch im mehrheitlichen Stillschweigen angesichts des aktuellen sozialen Auseinanderdriften, das zu bekämpfen noch vor wenigen Jahren als vorrangiges politisches Ziel angesehen worden wäre (- erinnern wir uns an den berühmten Ausspruch Bruno Kreiskys: „Mir machen ein paar Milliarden Schilling Schulden weniger Kopfzerbrechen als ein paar hundert tausend Arbeitslose“).<br /><br /><strong>Die Mitte und der Kulturpessimismus</strong><br /><br />Dieser Trend der Mitte, sich nach rechts zu verschieben, hängt auch mit dem Umstand zusammen, dass diejenigen, die nach vielen Aufstiegsmühen in der Mitte angekommen sind, ihre neue Position mit allen Mitteln zu verteidigen trachten. Sie werden alles versuchen, um sicher zu stellen, dass alles so bleibt wie es ist (jedenfalls nicht schlechter wird). Multipliziert wird diese Beharrungstendenz durch den Umstand, dass diese Mitte immer älter wird und somit immer weniger Lust zeigt zu experimentieren und so die gesellschaftliche Dynamik in Gang zu halten. <br /><br />Kurz gesagt spricht vieles dafür, dass von einer derart verfassten Mitte nur wenig oder gar keine Entwicklungsdynamik ausgeht. Dies umso weniger, als auf diese Mitte immer neue Wellen des Veränderungs- und Entwicklungsanspruchs heranbranden. Ihre VertreterInnen sind vollauf damit beschäftigt, diese niederzuringen, damit alles so bleibt wie es ist. Perpektivische Handlungsoptionen haben da keinen Platz. Ihre ideologischen Grundlagen beschränken sich zunehmend auf kulturpessimistische Worthülsen, die einer defensiven Grundhaltung die Bilder liefert, aus denen sich Zukunftsängste aller Art ergießen.<br /><br />Und so hören wir Nachrichten nur mehr als die Berichte eines unendlichen Stroms von katastrophalen Ereignissen und Entwicklungen, die – aufmerksam mitgehört – kaum mehr auszuhalten sind (- ich selbst ertappe mich beim Aufdrehen der Nachrichten bei der bangen Frage, ob ich mental hinreichend gerüstet bin, weil diesmal über so etwas wie die ultimative Katastrophe berichtet würde oder wieder nur von mehreren von all den vielen anderen. Die natürliche Konsequenz daraus ist, dass ich immer weniger Nachrichten höre und vor allem junge Menschen – die gerne als apolitisch denunziert werden –  immer besser verstehen kann, die gar nicht mehr auf die Idee kommen, eine Beziehung zu dieser Art von veröffentlichten Meinung herzustellen).<br /><br />Die Frage um diese Form der ebenso beharrenden wie beklemmend niederdrückenden „Mitte“ hat mich beschäftigt, als ich in dem Protestvideo die vielen ORF-RedakteurInnen in einer völlig neuen Rolle und mit einer gänzlich neuen Botschaft gesehen und gehört habe. In ihrem Willen, Widerstand zu leisten gegen diese Form des selbstherrlichen Mitte-Denkens („Mir san mir“) wirkten sie unmittelbar lebendig und motivierend für nächste Schritte zur Überwindung der gegenwärtigen Lähmung.<br /><br />Daraus ziehe ich zwei Schlüsse: Der eine bezieht sich auf die Vermutung, dass Entwicklung und Innovation etwas mit der Bereitschaft zu tun hat, Widerstand zu leisten. Erst die Bereitschaft über die bestehenden Generalängste hinweg etwas, was als schlecht, überkommen, ungerecht oder auch nur behindernd erkannt worden ist, in Frage zu stellen und zu überwinden, gibt Energie und Kraft, sich nicht mit den Gegebenheiten abzufinden und Neues in die Welt zu setzen. <br /><br />Und der andere bezieht sich auf das herrschende Selbstverständnis von „Unabhängigkeit“, auf das sich die protestierenden RedakteurInnen bezogen haben. In ihrer Gegenwehr wollten sie sich nicht am parteipolitischen Gängelband eines mit überbordendem Selbstwertgefühl ausgestatteten Karrieristen im Zentrum der ORF-Macht sehen. <br /><br />Darüber hinaus aber gibt es noch ein anderes, vielleicht sogar weit mächtigeres Gängelband, das nicht aus den Parteizentralen sondern unmittelbar aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Seine Zugkraft bezieht es aus einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, die schlechten Nachrichten eindeutig größere Bedeutung zumisst als guten. Und so haben wir es zur Zeit mit einer Berichterstattung zu tun, die sich darin überschlägt, eine Furchtbarkeit an die andere zu reihen und damit an einem Meinungsklima mitwirkt, das darauf gerichtet ist, die bestehenden Beharrenstendenzen mit der Produktion diffuser Zukunftsangst und Frustration zu verstärken, während alle Versuche, sich dagegen zu verwehren und gesellschaftspolitische Alternativen zu fordern, ins Abseits gedrängt werden. <br /><br />Das erfreulich nassforsche Auftreten der RedakteurInnen hat gezeigt, dass es auch anders geht. Ihr Engagement macht deutlich, dass Widerstand auch in der Präapokalypse möglich ist und sogar zu konkreten Veränderungen führen kann. <br /><br />Daraus wächst – zumindest bei mir – die Hoffnung, dass diese Erfahrung eine neue Sensibilität in der Berichterstattung bewirkt, die die RedakteurInnen nicht nur weiterhin unabhängig wird agieren lassen, sondern auch ausgeglichen, vor allem wenn es darum geht, die gegenwärtige Hegemonie kulturpessimistischer Sichtweisen einer immer hilfloser um sich schlagender Mitte ins Verhältnis zu ermutigenden Zukunftsentwürfen zu setzen. <br /><br />Auch die, die nicht in der Mitte angekommen sind, nie ankommen werden und vielleicht auch gar nicht ankommen wollen, haben ein Recht auf Öffentlichkeit. Und da rede ich nicht (mehr) von Nico Pelinka, der wohl auch ohne ORF seinen  Weg ins Innere der Mitte finden wird.<br /><br /><br /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Evaluierung der Vor-Ort-Beratungsteams</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Jan 2012 14:05:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bsemmler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Forschung]]></category>

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		<description><![CDATA[Kurzbeschreibung Koordiniert von der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel, werden in der Pilotphase insgesamt elf Kultureinrichtungen auf deren eigenen Wunsch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Kurzbeschreibung</h4>
<p>Koordiniert von der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel, werden in der Pilotphase insgesamt elf Kultureinrichtungen auf deren eigenen Wunsch von Beraterteams bei der Optimierung ihrer Vermittlungsarbeit unterstützt. Dieser Beratungsprozess wird von EDUCULT begleitend evaluiert. Dabei gilt es, u.a. folgende Fragen zu beantworten:</p>
<ul>
<li>Ist das Vor-Ort-Beratungsteam ein sinnvolles Instrument zur Optimierung der Vermittlungsarbeit?</li>
<li>Worin bestehen seine konzeptionellen Vorzüge?</li>
<li>Welche Erfahrungen werden bei der praktischen Umsetzung gemacht? </li>
<li>Wurden alle Ziele erreicht oder besteht Bedarf zur konzeptionellen oder zur fachlich-organisatorischen Nachjustierung bei der Umsetzung?</li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
<h4>Methode</h4>
<p>Als Evaluator sehen wir uns in der Rolle eines „critical friends” – nicht eines Kontrolleurs.  Unser Angebot zielt darauf ab, die oben stehenden Fragen unter aktiver Einbindung aller Beteiligten zu beantworten. Um dies zu gewährleisten werden verschiedene Methoden wie Dokumentenanalysen, Interviews sowie Round-Table-Gespräche eingesetzt.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Freiheit zwischen Erfahrung und Erwartung</title>
		<link>http://www.educult.at/blog/freiheit-zwischen-erfahrung-und-erwartung/</link>
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		<pubDate>Sun, 15 Jan 2012 19:26:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bsemmler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blog]]></category>

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		<description><![CDATA[„Ich möchte nicht mehr gedemütigt werden, wenn ich privat meine Muttersprache verwende, und ich möchte auch mitentscheiden können, ob ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Ich möchte nicht mehr gedemütigt werden, wenn ich privat meine Muttersprache verwende, und ich möchte auch mitentscheiden können, ob ich talentiert für meine jetzige Schule bin oder doch eine andere besuchen möchte“, meinte einer der 30 SchülerInnen mit Migrationshintergrund, die in diesen Tagen in der Kooperativen Mittelschule in der Wiener Pazmanitengasse ihre Mehrsprachigkeit unter Beweis stellten. Bereits zum dritten Mal findet der <a href="http://www.educult.at/projekte/sag%E2%80%99s-multi-redewettbewerb-201112-2/" target="_blank">Redewettbewerb „SAG&#8217;S MULTI!“</a> statt und ich bin jedes Mal aufs Neue bewegt von der Fähigkeit, mehr noch vom Mut der jungen Leute, über sich, ihre Lebensumstände und ihre Erwartungen an ein gutes und sinnerfülltes Leben auf so unmittelbare, originelle und eindringliche Art zu sprechen.<br /><br />Der Wettbewerb steht heuer unter dem Motto: „Lasst uns die Freiheit erobern!“ Dabei treibt die Jugendlichen vor allem der Wunsch an, sich aus den engen, als ungerecht empfundenen, von Erwachsenen erzwungenen Verhältnissen zu befreien und – im wahrsten Sinn des Wortes – ins Freie zu treten. <br /><br />Naturgemäß widmen sie sich vor allem den persönlichen Beziehungen: Die übrigen Familienmitglieder, FreundInnen oder LehrerInnen spielen eine große Rolle. Aber auch die Lebensumstände ihrer AltersgenossInnen, die zu Kinderarbeit, Kriegführen oder Prostitution verurteilt sind, beschäftigen sie sehr. Da ist eine Generation, in zum Teil sehr schwierigen Verhältnissen, auf der Suche nach sich selbst und die ZuhörerInnen können das, wenn schon nicht hautnah, dann zumindest sprachnah, miterleben. Für mich ist das ein großes Geschenk. <br /><br />Dass diese Suche auch im Erwachsenenalter nicht aufhört, sondern – durchaus mit Schmerzen – auf immer neue Weise fortgesetzt werden will, macht das jüngste Buch der israelischen Soziologin  Eva Illouz mit dem Titel <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/37133.html" target="_blank">„Warum Liebe weh tut“</a> deutlich. Eindrucksvoll zeigt sie, dass nicht nur unsere Vorstellungen von Liebe, sondern auch die ganz konkreten Gefühle, die unser Liebesleben bestimmen, wesentlich von den gesellschaftlichen Bedingungen der Zeit geprägt werden. Entgegen aller Psychologisierungsversuche, die die „Schuld“ in erster Linie in den frühkindlichen Erfahrungen der Betroffenen zu finden hoffen, lassen sich die jeweiligen Gemütszustände keineswegs auf rein individuelle Probleme reduzieren, wie eine Fülle von – gut verkaufbaren – Beziehungsratgebern weismachen will. <br /><br />Illouz unterlegt ihre Überlegungen zu den aktuellen Beziehungsverhältnissen mit dem Thema „Freiheit“ und bettet damit Berichte von jungen Menschen in eine breit angelegte Gesellschaftsanalyse ein, welche zu erklären versucht, warum es uns in den Versuchen des Miteinanders so geht, wie es uns geht.<br /><br />Nun findet der Redewettbewerb „Lasst und die Freiheit erobern!“ just zu einem Zeitpunkt statt, in dem der politische und ökonomische Anspruch auf „Freiheit“ drauf und dran ist, Ungleichheit (etwa in der Zunahme von mittlerweile unvorstellbaren Einkommensunterschieden) in einem Ausmaß zu schaffen, das bei immer mehr Menschen das Gefühl der Befreiung in existentielle Verunsicherung umkippen lässt.<br /><br /><strong>Freiheit, Wahl und Bindungslosigkeit</strong><br /><br />Der Motor dafür heißt „Konsumgesellschaft“, der die Epoche asketischer Arbeitsethik abgelöst hat und nunmehr die Menschen mit einer bislang ungekannten Gewalt zwingt, permanent zu wählen, ohne dass sie in der Lage wären, dafür noch die entsprechenden Entscheidungsgrundlagen herzustellen. Freigesetzt erscheint hier in erster Linie ein ebenso umfassendes wie gefühlsgetriebenes Begehren, das möglichst frei flottierend seine Erfüllung in Vergnügen, Wunscherfüllung und Zufriedenheit sucht. Und es geht um viel; immerhin soll damit das wirtschaftliche Geschehen in Gang gehalten werden. Da trifft es sich, dass es zur Produktionsweise dieser „Wunscherfüllungsmaschine“ gehört, dass sich eine Befriedigung immer nur für den Augenblick herstellen lässt, um sogleich von der nächsten Welle eines unerschöpflichen Begehrens abgelöst zu werden.<br /><br />Illouz beschreibt anschaulich die Auswirkungen, die sich daraus für die erotischen Anziehungskräfte, die Sexualität und damit für das Liebesleben ergeben, für die jegliche Art der Bindung (oder gar der moralischen Verbindlichkeiten) vor allem bei Männern als eine Einschränkung der jeweils eigenen Freiheit erscheint. Das Ergebnis ist eine zunehmend drückende Spannung zwischen Autonomie und Anerkennung, der auf den derart freigesetzten Individuen lastet.<br /><br />Besonders hängen geblieben bin ich bei der Vermutung, dass bei der Einbeziehung des Liebeslebens in die „große Transformation“ (Carl Polyani), der umfassenden Ökonomisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, der ästhetischen Ausformung jeglicher Verkehrsformen ganz besondere Bedeutung zukommt. Gerade bei jungen Menschen lässt sich der Schönheitsbegriff in besonderer Weise an ihren Vorstellungen der Körperlichkeit festmachen; für sie sind ästhetische Vorlieben und Beziehungswünsche enger miteinander verknüpft, als gemeinhin angenommen.<br /><br />Aber auch die VertreterInnen kultureller Bildung nutzen gerne das Argument der umfassenden Ästhetisierung aller Lebensbereiche (ohne freilich die Liebensvorstellungen der jungen Menschen anzusprechen, obwohl in dieser Altersgruppe alles darum kreist), um ihrem Fachgebiet mehr Aufmerksamkeit und damit wohl auch mehr Ressourcen zu widmen. Was damit aber – zumindest auch – bewirkt wird, dazu schlägt Illouz eine neue Seite auf.<br /><br /><strong>Zum Wandel des Schönheitsbegriffs</strong><br /><br />In ihrer Analyse ausgewählter literarischer Zeugnisse des 19. Jahrhunderts wird klar, dass der Schönheitsbegriff bereits damals handlungsleitend für das Beziehungsleben gewesen ist. Und doch stellt Illouz kategoriale Unterschiede fest, die vor allem darin bestehen, dass der Schönheitsbegriff ursprünglich an das spezifische soziale Milieu gebunden war, der damit gleichermaßen Sicherheit und Zwang (dem zu entkommen oft nicht einmal gedacht werden konnte) repräsentierte. „Schönheit“ war damit eine gleichermaßen körperliche und geistige Eigenschaft, damit eine Synthese von wandelbaren, außengesteuerten Qualitäten wie Mode und Kosmetik und zeitlosen bzw. inneren Haltungen und Wertvorstellungen, die jede Entscheidung präformierten und damit das Begehren regulierten.<br /><br />Das spezifisch Neue am Schönheitsbegriff der Konsumgesellschaft besteht in der weitgehenden Trennung der inneren und äußeren Qualitäten. Auf diese Weise wurde der Schönheitsbegriff scheinbar von seinen ethischen und sozialen Implikationen befreit, was bleibt ist die schiere Oberfläche; ihr Zweck scheint ausschließlich darauf gerichtet, ein befreites Begehren zu stimulieren.<br /><br />Ihrem Gegenstand entsprechend handelt Illouz diese Entwicklung anhand der Ästhetisierung des Körpers ab. Diese erfolgte nicht zufällig, sondern entsprechend den strategischen Vorgaben der Kosmetik-, Mode- und Filmindustrie, die damit eine wesentliche Funktion in der Realisierung konsumgesellschaftlicher Verhältnisse übernommen hat. Ihre Verfahren der Entkontextualisierung schufen ganz neue Möglichkeiten, den Körper an sich zu propagieren und zu erotisieren. Entstanden ist damit eine unendliche Bilderflut, die in einem Ausmaß Gefühle nicht nur ausdrücken, sondern überhaupt erst auslösen und auf diese Weise beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln, die konkrete Erfahrung und Erwartung auseinanderdriften lässt.<br /><br />Das betrifft insbesondere das Frauenbild, dessen Ideal einer sexualisierten Schönheit zur Grundlage einer auf permanente Erneuerung gerichteten Begehrensproduktion mutiert ist, deren hauptsächliche Antriebskräfte von Mode, Film, Werbung, Musik und Kosmetik gespeist werden. Bewirkt wurde so ein Wandel von Schönheit zu „Sexyness“, der sich im Wesentlichen auf körperliche, sprachliche und kleidungsbezogene Codes bezieht, die dem Konsumismus eingeschrieben sind (um auf diese Weise die bestehende Geschlechterungleichheit mit ebenso unbewusst wie unmittelbar wirkenden Mitteln fortzuschreiben).<br /><br /><strong>Die Bedeutung ästhetisch geformter Oberflächen als unerschöpfliche Gefühls- und Begehrensproduzenten</strong><br /><br />Wenn in der laufenden Schulentwicklung „Individualisierung“ ganz groß geschrieben wird, dann bleibt oft unausgesprochen, welch großer Anspruch für die derart Individualisierten damit verbunden ist. Ihnen kommt die Aufgabe zu, ihr Selbst als unstillbare BegehrensträgerInnen immer wieder neu zu erfinden und dabei auch noch die Lust, permanent alles selbst „frei“ entscheiden und auswählen zu können, aufrecht zu erhalten. Dieser Generalanspruch macht nur zu leicht vergessen, dass diese, auf ihre – den traditionellen Bindungskräften entkleidete – Subjektivität zurückgeworfenen Individuen die Angst beschleicht, in dieser Woge der ästhetischen Reizüberflutung den Fuß aus eigener Kraft nicht mehr auf den Boden der Realität zu bekommen.<br /><br />Verkauft wurde diese Entwicklung freilich als eine umfassende Befreiung, mit einigem Recht, wenn seither im Prinzip alle – über die sozialen, ethnischen, religiösen oder sonstigen Grenzen hinweg – am Markt der schönen Produkte und Dienstleistungen teilnehmen können, vorausgesetzt sie haben die materiellen Mittel dafür. Aber wir haben es nach wie vor mit einem Markt zu tun, auf dem der Austausch von Gütern zwischen Anbietern und Nachfragern verhandelt wird.<br /><br />Dabei aber kommt der Ästhetisierung noch einmal eine besondere „Funktion“ zu. Immerhin geht zumindest die klassische Wirtschaftstheorie davon aus, dass das Marktverhalten von rationalen Entscheidungen der MarktteilnehmerInnen zur Nutzenmaximierung geprägt sei. Nun waren die Märkte wohl schon immer durch ein gerütteltes Maß an Irrationalität geprägt; das nunmehrige Ausmaß der Ästhetisierung weist aber möglicherweise über diese Art von Fehleranfälligkeit hinaus, weil es die Irrationalität nicht nur in Kauf nimmt, sondern zum vorrangigen Handlungsprinzip – jedenfalls auf der Seite der NachfragerInnen – erklärt.<br /><br />Und so werden potentiellen KonsumentInnen, mit dem Versprechen mit Hilfe des Kaufs von Waren alle Träume und Phantasien realisieren zu können, um auf diese Weise der ewig bohrenden Frage nach der eigenen Identität näher zu kommen, die Grundlagen rationaler Entscheidungsfindung entzogen. Und in der Tat, vieles spricht dafür, dass von Begehren getriebene Konsumaktivitäten immer weniger von rationalen Überlegungen, sondern von einer imaginären Vergnügungssuche, um nicht zu sagen, von einer zunehmend verzweifelten Zerstreuungs- und Vergnügungssucht angetrieben wird.<br /><br /><strong>Wie überwinden wir das „ästhetische Stadium“?</strong><br /><br />Mir fällt in diesem Zusammenhang der Versuch des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard ein, die Existenz des Menschen in drei Stadien zu beschreiben. Als ursprünglichste Stufe erscheint ihm das „ästhetische Stadium“. In ihm würde der Mensch ganz in der Unmittelbarkeit sinnlicher Empfindung leben, die ausschließliches Motiv und Ziel seines Handelns sei. Dabei sei er zu einer unreflektierten Existenzform verurteilt, die verhindere, mit sich ins Klare zu kommen. Daher rühre auch die besondere Form der Verzweiflung, in der der Mensch spüre, dass er nicht er selbst, sondern in Äußerlichkeiten gefangen sei. Es bleibe dem Voranschreiten in ein „ethisches Stadium“ vorbehalten, sich vernünftig zu verhalten und dabei Verantwortung für sich selbst und die Welt zu übernehmen.<br /><br />Die Assoziation liegt nahe, dass die gegenwärtige Phase der Ästhetisierung aller Lebensbereiche auf der Akzeptanz eines massenhaft auftretenden <a href="https://nokturnaltimes.wordpress.com/tag/homo-consumens/" target="_blank">„homo consumens“</a> (Erich Fromm) beruht, der – mit Hilfe der verlockenden Angebote der Kulturindustrie – gelernt hat, rationale Entscheidungsgrundlagen hinter sich zu lassen und sich stattdessen unter Aufbieten seiner ganzen Unmittelbarkeit im „ästhetischen Stadium“ einzurichten, und dieses, wenn schon nicht als Befreiung, so doch als einzig mögliche Existenzform erkannt hat.  <br /><br />Dieser Prozess wurde und wird noch immer in erster Linie als eine Befreiung erlebt, die darauf gerichtet ist, bisher tragfähige ethisch-moralische Bindungen zu schwächen. Vor dem Diktat dieser Form der marktwirtschaftlichen Befreiung der Gefühle zur Herstellung massenhafter Unmittelbarkeit mit ästhetischen Mitteln bleibt unterbelichtet, dass es sich dabei – zumindest auch – um eine Form der Enteignung sozialer Verbindlichkeiten handelt. Nur mehr den wenigsten ist bewusst, dass in diesem Setting jeder Freiheitsgrad, der gewonnen wird, die Grundlagen zerbrechen lässt, in denen Freiheit gelebt werden kann. <br /><br /><strong>Auch SchülerInnen sind unteilbar – erst das Zusammenwirken von Gefühl und Verstand schafft Befreiung</strong><br /><br />Im Aushalten dieses fundamentalen Widerspruchs – darauf hat Illouz mich unsanft gestoßen – kommt der ästhetischen Verfasstheit zentrale Bedeutung zu. In Bezug auf die Beschäftigung mit ästhetischen Fragen im schulischen Kontext bedeutet das einmal mehr Abschied zu nehmen von der isolierten, allenfalls kompensatorischen Funktion von Kunst und Kultur im Unterricht. Gerade wenn Schule sich nicht schuldig machen will, an einer weiteren Ausschaltung rationaler Überlegungen mit Hilfe ästhetischer Mittel mitzuwirken, bedarf es neuer Formen der Zusammenschau, die oben skizzierte Zusammenhänge erkenn- und verhandelbar machen. Rationalität und Emotionalität sind untrennbar verbunden, sie bedingen einander, ungeachtet der Beschäftigung mit spezifischen Unterrichtsinhalten, um Lernen zu ermöglichen.<br /><br />Die Existenz der vermeintlich ausschließlich auf Rationalität fußenden Unterrichtsinhalte (und damit Unterrichtsgegenstände) ist eine Illusion. Und umgekehrt zwingt die ästhetische Überformung uns an das, was ästhetisch der Fall ist, nicht nur mit emotionalen, sondern auch und gerade mit rationalen Mitteln anzunähern. <br /><br />Kierkegaard weist einen Weg, wenn es darum geht, die ungleichen Gewichtungen von Ästhetik und Ethik wieder besser ins Lot zu bekommen. Es ist das Mittel der Ironie: Indem sich der Mensch zu sich selbst ironisch, also distanziert, verhält, kann er auf neue Weise auf sich und seine Lebensumstände schauen – und beginnen, sich damit zu beschäftigen, sich aus diesen zu befreien.<br /><br />Die TeilnehmerInnen am diesjährigen „SAG&#8217;S MULTI!“-Wettbewerb machen es uns vor. Sie verfügen über eine Menge an Ironie, können über sich (und andere) lachen und weinen. Gerade deswegen sind sie in der Lage, gleichermaßen bewegend und vernünftig über sich und die Welt zu reden, um damit den Anspruch aufrechtzuerhalten, sich von fremd verschuldeten Zwängen zu befreien, ohne auch gleich ihr eigenes Fundament zu zerstören.</p>]]></content:encoded>
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		<title>&#8220;Mainstream&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Jan 2012 10:04:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mwimmer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Feiertage zwischen Weihnachten und Neujahr: Eine Zeit irgendwie dazwischen. Der Alltag des alten Jahres liegt bereits zurück und der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Feiertage zwischen Weihnachten und Neujahr: Eine Zeit irgendwie dazwischen. Der Alltag des alten Jahres liegt bereits zurück und der des neuen hat noch nicht begonnen. Eine Chance, zur Ruhe zu kommen und sich neu zu orientieren. Ich hab sie mit Hilfe des Buches <a href="http://www.rezensions-seite.de/rezensionen/kulturwissenschaft/frederic-martel-mainstream/" target="_blank">„Mainstream“</a> des französischen Forschers und Journalisten genutzt, der in seiner „enquête sur cette culture qui plaît à tout le monde“ draufkommen wollte, wie die Produktion von Kultur, die die Erwartungen eines globalen Publikums über nationale, ethnische, religiöse und sonstige Grenzen hinweg trifft, funktioniert.</p>
<p>Eine höchst demokratierelevante Frage also, zumal Martel über die Produktion kultureller Güter berichtet, in die die Erwartungen des Publikums einbezogen werden. Im Zentrum stehen die Bedingungen der Filmproduktion in Hollywood. Am Anfang der Entscheidungsfindung, ob ein Filmprojekt das „green light“ erhält, steht immer die Auswahl des potentiellen Publikums entlang der entscheidenden Kriterien „Alter, „Geschlecht“ und „Hautfarbe“. Als Ideal wird die Produktion eines „four-quadrant-films“ angestrebt, der sich gleichermaßen an Männer und Frauen über und unter 25 Jahren richtet. Dazu werden „focus groups“ gebildet, die zusammen mit „test-screenings“ und qualitativen Interviews umfassende Informationen nicht nur für die inhaltliche Ausrichtung sondern auch für die geplante Marketingstrategie erlauben. Sorgfältig ausgewählten Gruppen werden daraufhin erste Trailer gezeigt, um ihre Reaktionen zu beobachten. Darauf hin wird eine Vorkampagne in den Kinos lanciert und in Talkshows, die von, den Studios angeschlossenen Fernsehkanälen ausgestrahlt werden, die mitwirkenden SchauspielerInnen präsentiert.</p>
<p>Daraufhin werden nochmals „focus groups“ eingeladen, die darüber Auskunft geben sollen, was und wie intensiv sich die TeilnehmerInnen die Details der bisherigen Berichterstattung gemerkt haben (In der Marketingsprache heißt das „stickiness“, also ob und wie sehr das bisher Produzierte in den Köpfen „klebt“). Das kann zu weiteren Veränderungen führen, etwa eine Dialogszene durch eine Aktionszene zu ersetzen, um insbesondere den Erwartungen der jungen Männer entgegen zu kommen. In diesem Stadium – so Martel – könne ein erfahrener Marketeer bereits mit einer sehr geringen Fehlerwahrscheinlichkeit das Ausmaß des Erfolgs des Films voraussagen, ohne dass dieser überhaupt in die Kinos gekommen wäre. Immerhin gilt es vorher noch das Erscheinungsdatum zu überlegen, das in verschiedenen Teilen der Welt je nach Feiertagskultur noch einmal Einfluss auf das Publikumsinteresse nehmen kann. Von rund 2 500 Filmprojekten, die dieses – auf dem Verhalten des potentiellen Publikums basierenden – Entscheidungsverfahren durchlaufen, schaffen es rund ein Zehntel in die Kinos.</p>
<p>Nun ist Hollywood eine Industrie und ihr erstes Betriebsmittel ist es, mit seinen Produkten Geld zu machen (von denen das Filmemachen nur eine minoritären Anteil von rund 20% ausmacht, während der weiteren Franchise-Kette, die vom Betrieb von Studio eigenen Fernsehkanälen, Eventparks, Hotellerie und Gastronomie bis zu Kreuzfahrtangeboten reicht, immer mehr an Bedeutung gewinnt).</p>
<p><strong><em>Europa als Residuum künstlerischer Eigensinnigkeit?</em></strong></p>
<p>Das ist in Europa (noch) anders, zumal die Tradition eigensinniger Kunstproduktion von  den global agierenden Marktkräften zunehmend als ein elitäres Überbleibsel eingeschätzt wird. Daher ist es kein Wunder, wenn der alte Kontinent im Rahmen der Produktion von „kulturellem Mainstream“ längst von Brasilien, Indien oder China überholt worden ist.</p>
<p>Der Grund liegt in einer wesentlich größeren Bedeutung des künstlerischen Eigenwerts kultureller Produktion in Europa, der sich zunehmend als Nachteil im internationalen Wettbewerb erweist. Ursprünglich als Errungenschaft gefeiert, droht der Anspruch künstlerischer Autonomie, der sich nur mühsam vom Geschmack sowohl seiner Auftraggeber als auch des Publikums zu emanzipieren versucht hat, zunehmend ins Abseits zu geraten. Besonders deutlich wird das zur Zeit in weiten Teilen des Kulturbetriebs in den postkommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas, wo sich die Publikumszahlen in den letzten Jahren zum Teil dramatisch verringert haben (Als Beispiel kann dafür der Theaterbetrieb in Bulgarien herhalten, wo sich die jährlichen BesucherInnen-Zahlen zuletzt von rund 10 Mio. auf 3 Mio. reduziert haben).</p>
<p>Nicht ganz so dramatisch erscheint die Situation in den meisten westeuropäischen Ländern wo – im Schlepptau vor allem britischer Initiativen – immer mehr Kultureinrichtungen „audience development“ betreiben, in der Hoffnung, damit neue Publikumsschichten für ihr Programm zu begeistern. Mit einer Vielzahl zusätzlicher Angebote, die von Einführungen, Begegnungen mit KünstlerInnen, Vermittlungsprogrammen, streams von Aufführungen bis hin zu Auftritten in den social media reichen, soll der Kontakt mit den Publika intensiviert und damit das Standing verbessert werden.</p>
<p>Die unmittelbare Mitwirkung des Publikums an der Programmgestaltung – die dem oben angedeuteten Auswahlverfahren in Hollywood auch nur annähernd entsprechen würde – bildet aber bis heute die große Ausnahme. Zu groß ist da bis jetzt der Unbedingheitsanspruch künstlerischer Produktion (in aller Regel ermöglichst durch öffentliche Förderung), die darauf abstellt, die Qualität eher daran zu bemessen, inwieweit es gelingt, den Geschmack des Publikums zu irritieren als ihm zu entsprechen.</p>
<p><strong><em>Abstimmungen zum künstlerischen Programm per Internet</em></strong></p>
<p>Es blieb dem renommierten Hamburger Thalia Theater vorbehalten, diese tief sitzende Produktionslastigkeit mit einer Aktion der besonderen Art zu durchbrechen. Mit dem Anspruch, einen Beitrag zur Demokratisierung des Kulturbetriebs leisten zu wollen, lud das Haus eine anonyme Öffentlichkeit ein, den Spielplan mitzubestimmen. Mittels Postkarten und im Netz konnten Stücke nach freier Wahl vorgeschlagen werden. Rund 5500 Personen beteiligten sich an dieser <a href="http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=6400&amp;catid=126&amp;Itemid=1" target="_blank">Aktion</a>, die sich – wie der Dramaturg Carl Hegemann meinte – zu keiner repräsentativen Wahl sondern zu einer Reihe von Überraschungen führen sollte.</p>
<p>Neben dem Rock-Musical „Peers Heimkehr“ fanden sich zwei vergessene Dramen aus den Kriegs- und Nachkriegstagen, Friedrich Dürrenmatts „Die Ehe des Herrn Mississippi“ und Thorton Wilders „Wir sind noch einmal davon gekommen“ unter den „Siegerstücken“. Bald schon stellte sich heraus, dass letztere beiden von einem Netzaktivisten mit dem Pseudonym „Friedrich T.Halia Wilder“ offenbar erfolgreich kampagnisiert wurden und zumindest auch Kampnagel, das konkurrierende Theaterunternehmen in der Stadt, hat dieses „basisdemokratische Verfahren“ wesentlich beeinflusst.</p>
<p>Über da Thalia-Theater ergoss sich in der Folge eine Flut an hämischen <a href="http://www.nachtkritik.de/index.php?view=article&amp;id=6358%3Athalia-n&amp;option=com_content&amp;Itemid=60" target="_blank">Kommentaren</a>, die sich über die scheinbare Naivität der Initiatoren ebenso mokierte wie sie über die grundsätzliche Unmöglichkeit räsonierte, kulturelle Aktivitäten „demokratisch“ zu verhandeln. Während der Intendant Joachim Lux und sein <a href="http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=6398%3Avideointerview-mit-carl-hegemann-zur-spielplan-abstimmung-am-hamburger-thalia-theater&amp;catid=644%3Avideo&amp;Itemid=40" target="_blank">Dramaturg Carl Hegemann </a>zurzeit heftig zurückrudern („Die künstlerische Freiheit bleibt unangetastet. Der Publikumsentscheidung kann auch durch fünfminütige Voraufführungen zu anderen Stücken entsprochen werden“) hat diese Provokation es doch geschafft, eine breitere Diskussion zum prekären Verhältnis von „Demokratie“, „Partizipation“ und „Kulturschaffen“ auszulösen.</p>
<p>In diesem Zusammenhang ist eine Reihe von Analysen zum heruntergekommenen Begriffsverständnis von Demokratie erschienen, die weit über den Kulturbetrieb hinausweisen. Till Briegleb etwa von der Süddeutschen Zeitung spricht von einem „Abstimmen für die Graburne“. Die Wahl sei ein exemplarische Beispiel dafür, wie selbstverständlich hohl die Begriffe „Demokratie“ und „Partizipation“ mittlerweile geworden seien: „Dank eines inflationären Abstimmungsverhaltens, das sich in Rankings, Bewertungen, Statistiken, aber vor allem in Umfragen niederschlägt, hat sich das Gefühl einer globalen User-Demokratie selbst dort durchgesetzt, wo man es eigentlich besser wissen sollte: in Medien und Institutionen, die zu Kritik und Selbstkritik verpflichtet sind.“</p>
<p>Was hier auf den Punkt kommt, ist eine Kritik an einer kulturellen Produktionsweise, die sich an den ästhetischen Prädispositionen seines potentiellen Publikums orientiert. Vereinfacht gesagt: Die Kundenerwartungen sollen bestmöglich bedient werden. Das sei im Kapitalismus legitim, aber möglicherweise eine Verkürzung eines Demokratieverständnisses, dem zumindest Briegleb unterstellt, es komme mittlerweile weitgehend ohne Argument und Verantwortung aus: „Unkontrollierte Abstimmungen ohne Konsequenzen für den Wählenden zeugen eben nicht von der Herrschaft des Volkes, sondern von moderner Marktforschung. Like-Buttons, Netzbewertungen und Internetabfrage dienen vor allem der Impulsabfrage, zum Erzeugen von Stimmungsbildern, mit dem Unternehmen ihre Angebote besser justieren können, ohne sich auf irgendeine Mi8tbeswtimmung oder Verbindlichkeit zu verpflichten. Gerade Netz-Voting in seiner wesenhaften Willkür verhält sich zu wesenhafter Demokratie wie Exorzismus zu Biologie“.</p>
<p><strong><em> </em></strong><strong><em>Demokratie muss gefordert und kann nicht gewährt werden</em></strong></p>
<p>Ungewollt verweist diese Analyse nicht nur auf die aktionistische Spielplanwahl des Thalia-Theaters (das dieses Experiment „sicher nicht“ wiederholen möchte) sondern auf die viel weitergehende Mainstream-Produktion“, das nach Martel mittlerweile den handlungsleitenden Maßstab für das globale Kulturschaffen bildet.</p>
<p>Bei Briegleb gibt es einen entscheidenden Satz: „Demokratie muss gefordert, nicht gewährt werden“. Wenn das stimmt, dann hat der europäische ebenso wie der internationale Kulturbetrieb ein sehr grundsätzliches Problem mit der Demokratie. Zu deutlich zeigt sich immer wieder, dass Menschen sehr gut ohne das Angebot des Kulturbetriebs auszukommen bereit sind. Abgesehen von einer kleinen Minderheit erfahren sie für sich keine signifikante Einschränkung ihrer Lebensqualität, wenn sie die bestehenden kulturellen Angebote nicht annehmen. Dementsprechend bescheiden sind diesbezügliche Forderungen breiter Teile der Bevölkerung, im Rahmen seiner demokratischen Mitwirkungsrechte am kulturellen Leben teilzunehmen. Sie reichen in der Regel nicht über die Interessensartikulation der unmittelbar am Betrieb Beteiligten hinaus.</p>
<p>Deren Produktionsbedingungen werden – jedenfalls in Europa – nach wie vor prioritär vom Staat aufrechterhalten. In Ermangelung entsprechender Forderungen beschränkt er sich auf Rezipientenseite weitgehend auf das Gewähren. Mit vielfältigen Maßnahmen soll „Zugang ermöglicht“, „Publikum entwickelt“ und auf diese Weise „Kultur gewährt“ werden. Wie wir alle wissen, halten sich die Erfolge in Grenzen. Und damit auch die Hoffnung, den Begriff der Demokratie mit kulturellem Leben zu erfüllen.</p>
<p><strong><em> </em></strong><strong><em>Der Mainstream rückt näher</em></strong></p>
<p>Also schauen wir zunehmend gebannt in die Vereinigten Staaten, wo man uns vormacht, wie die Einbeziehung des Publikums funktioniert. Auch dort wirt Mitbestimmung nicht gefordert, aber die Produkte werden gekauft. Und so werden zugunsten von „audience development“ in nächster Zeit wohl auch immer mehr europäische Kultureinrichtungen vor Programmentscheidungen „focus groups“ zusammen stellen, „test-screenings“ veranstalten und mit ausgewählten Testpersonen qualitative Interviews zu ihren emotionalen Eindrücken durchführen. Vielleicht können damit die Besucherzahlen noch einmal gesteigert werden.</p>
<p>Einen Beitrag zur kulturellen Demokratisierung stellen sie wohl eher nicht dar; eher schon zur Übernahme des europäischen Sonderfalls in den internationalen Mainstream.</p>
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		<title>we are more</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 11:19:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Szokol</dc:creator>
				<category><![CDATA[Projekte]]></category>

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		<description><![CDATA[Weitere Informationen zum Manifest finden Sie auf der offiziellen Webpage. &#160; &#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Weitere Informationen zum Manifest finden Sie auf der offiziellen <a href="http://www.wearemore.eu/" target="_blank">Webpage</a>.</p>
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		<title>Und doch feiern wir noch immer Weihnachten</title>
		<link>http://www.educult.at/blog/und-doch-feiern-wir-noch-immer-weihnachten/</link>
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		<pubDate>Mon, 19 Dec 2011 11:37:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bsemmler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blog]]></category>

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		<description><![CDATA[In diesen Tagen veröffentlichte das Institut für Jugendkulturforschung seine jüngste Repräsentativ-Umfrage „Jugend und Zeitgeist“. Darin wird den jungen ÖsterreicherInnen ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In diesen Tagen veröffentlichte das Institut für Jugendkulturforschung seine jüngste Repräsentativ-Umfrage <a href="http://www.karriere.at/files/blog/2011/12/Studie-Jugend-und-Zeitgeist.pdf" target="_blank">„Jugend und Zeitgeist“</a>. Darin wird den jungen ÖsterreicherInnen ein gerütteltes Maß an pragmatischer Egozentrik zugesprochen. Wie nie zuvor hätten sie Abstand genommen von grundsätzlichen weltanschaulichen Positionen; ihr Bezug auf soziale Fragen beschränke sich mehrheitlich auf das, was sie unmittelbar betrifft. Beeindruckend dabei die zum Teil gravierenden Unterschiede zwischen der männlichen und der weiblichen Jugend, wenn immerhin noch 81% der jungen Frauen in der Absicht, „Geld von den Reichen zu den Armen umzuverteilen“, eine Frage der sozialen Gerechtigkeit erkennen, während dies bei jungen Männern nur mehr zu 48% der Fall ist (Ob das etwas mit der signifikant höheren Affinität der weiblichen Bevölkerung zu Kunst und Kultur zu tun hat, lasse ich hier einmal dahingestellt).<br /><br />Insgesamt vermitteln die Zahlen eindrucksvoll die nachhaltigen Folgen einer auf den Prinzipien von Individualisierung in der Wettbewerbsgesellschaft basierenden Wertevermittlung. Für mehr als ein Drittel der Befragten gilt der Lebensgrundsatz: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Oder andersrum: „Wer in finanzielle Not gerät, ist selbst schuld.“ <br /><br />Wir können annehmen, dass die hier zusammengeführten Einstellungen einer in eine chaotische Welt hineingestoßenen Jugend die gesamtgesellschaftliche Verfasstheit widerspiegeln. Entsprechend bezeichnen die vorgelegten Zahlen für die Mehrheit jedenfalls der österreichischen Jugendlichen – für die eine sich formierende Occupy-Bewegung noch immer ein Exotikum darstellt – alles andere als eine Aufbruchstimmung. Und also stimmen sie mit dem Trend von erwachsenen Mehrheiten in Richtung „Rette sich, wer kann!“ überein, dessen Konsequenzen als einzig verbleibende Antwort auf eine sich täglich neu zu überbieten trachtende Krisenberichterstattung gesehen wird.<br /><br />Mit ihren Einstellungen erzählen Jugendliche von heute in ihrer Mehrheit über ihre Versuche, das Leben von heute zu meistern. Mehr noch lassen sie Rückschlüsse auf ein fundamentales Scheitern einer Erwachsenengeneration zu, die sie zu solchen Einstellungen hat kommen lassen. Das zu erfahren ist nicht angenehm. Aber ist es neu?</p>
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<p><strong>Friedrich Heer und die Erziehung zum Europäer</strong></p>
<p>Auf der Suche nach Erklärungen zu den gegenwärtigen Entwicklungen in Europa bin ich auf den österreichischen Kulturhistoriker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Heer" target="_blank">Friedrich Heer</a> gestoßen. Mit der ganzen Widerborstigkeit eines konservativen Querdenkers wetterte er in den 1960er und 1970er Jahre gegen den damals herrschenden Mief im aus Versatzstücken eines altdeutschen Wohnzimmers zusammen gezimmerten Österreich. Dabei kam er – durchaus auf der Grundlage seiner profunden Studien zur Geschichte Österreichs – zum Schluss, dass allein die weitere Europäisierung der Verhältnisse in der Lage sei, die anstehenden Probleme zu lösen.<br /><br />In seinem Beitrag „Erziehung zum Europäer“ aus dem Jahr 1962 (in: Heer, Friedrich (2003); Europa: Rebellen, Häretiker und Revolutionäre, <a href="http://www.boehlau-verlag.com/978-3-205-77123-4.html" target="_blank">Böhlau</a>) finden sich in fast prophetischer Weise heute mehr denn je gültige Erklärungen zu den jüngsten Befunden zum jugendlichen Zeitgeist. Zu Beginn zitiert er ausgerechnet die spätere Königin der Niederlande Beatrix: „Ich glaube sagen zu können, dass es in Europa, besonders unter der Jugend, eine Leere, ein Vakuum gibt: uns fehlt ein gemeinsames Ideal. Wir haben nicht das Gefühl, einer klar umrissenen Zukunft entgegen zugehen; unser Leben hat keine realen Pläne, keine Ziele, die wir gemeinsam verfolgen.“ Als gravierende Folgen wären „Interesselosigkeit und Passivität“, „Gleichgültigkeit“, ja „Abseitsstehen und Resignation“ vieler junger Menschen zu beklagen. <br /><br />Und Friedrich Heer fragt: „Kann die ältere Generation uns dabei helfen, und wenn ja, in welcher Weise? Die Älteren können unsere Lehre und Leiter sein, sofern sie nur begreifen, dass sich die heutige Jugend nicht mehr mit schönen Redensarten einschläfern lässt… Schöne Worte haben wir genug gehört. Wir wollen aufgerüttelt werden.“<br /><br />Noch einmal. Dieses Zitat stammt aus 1962 und könnte doch das Elend zwischen den Generationen 50 Jahre später wenige Tage vor dem Jahreswechsel 2011/2012 nicht besser beschreiben. In seinen weiteren Überlegungen macht er auf einen fundamentalen Widerspruch aufmerksam, der möglicherweise heute die erste Ursache für ein mögliches Scheitern des europäischen Projekt  beschreibt. Es ist dies der Unterschied zwischen „oben“ und „unten“, zwischen Gewinnern und Verlierern, aber auch zwischen Herz und Verstand.</p>
<p><strong>Es sind nicht die Märkte, sondern die sozialen Barrieren, die das Fortschreiten Europas verhindern</strong></p>
<p>Für Heer war klar, dass „es leicht ist, Europäer „oben“ zu sein und sehr schwer Europäer „unten“ zu sein&#8221;: Damit meinte er, dass es für wohlerzogene, höfliche und gesittete Menschen aus der – damals so apostrophierten – „guten Gesellschaft“ ein Leichtes sei, sich zu europäischen Werten zu bekennen. Für die Massen der Menschen hingegen, die in Europa um ihr tägliches Brot kämpfen müssen, schaue die Welt ganz anders aus: Unten, in den Massen einheimischer Arbeiter, die in jedem ausländischen Arbeiter den Feind, zumindest den möglichen Feind wittern, ließen sich die dominanten Einstellungen einer in tausend Jahren konflikthafter Geschichte hochgestaute „communauté dans la haine“ (Hassgemeinschaft) nicht von einem Tag auf den anderen überwinden: „Da unten, wo uralter Volkshass, Volksangst, schwelt. Leidenschaftlicher Selbstbehauptungswille von Männern und Frauen, die Angst haben, ihre Sprache, ihre patrie, ihre Seele zu verlieren… Es ist schwer, Europäer im Herzen zu sein; Herz als die Existenzmitte des Menschen, als das dynamische Zentrum, wo Wille und Leidenschaft, wo die stärksten und furchtbarsten Triebe hausen.“<br /><br />Der Befund, dass die Aufrechterhaltung sozialer Barrieren die wesentlichen Barrieren für das europäische Projekt darstellen, bringt Heer dazu, einen Erziehungsbegriff zu propagieren, der in der Lage wäre, „in den Tiefenschichten“ der Lernenden anzusetzen. Diese seien weithin noch besetzt mit sehr alten Ängsten und Hasskomplexen, die sich in ebenso vielfältigen wie diffusen Ressentiments, Abneigungen und Abwehrreaktionen äußern würden und die nur sehr langsam zu einem aufgeklärten, gereiften europäischen Patriotismus weiterentwickelt werden könnten.<br /><br />Erstaunlich, dass ausgerechtet der konservative Kulturhistoriker Heer weniger auf Kultur als auf Wirtschaft setzt, wenn es darum geht, die Beschäftigten „zu EuropäerInnen zu erziehen“. Er kommt dabei zu recht unkonventionellen Vorstellungen, etwa wenn er vorschlägt, den jeweiligen Belegschaften unmittelbar zu verdeutlichen, wie weit fortgeschritten der Europäisierungsgrad des Unternehmens sei und wie unabdingbar für den Fortbestand prosperierender Beschäftigungsverhältnisse. Und doch widerspricht er vehement den aktuellen Meinungsführern in Sachen europäische Krise: „Europa ist kein Museum. Und Europa ist kein Aktienpaket, das etwa durch neue Dividendenausschüttungen, durch Vermehrung von Anteilscheinen so breit aufzuwerten wäre, dass es den „gemeinen Mann“ bewegen würde, größte Einsätze – des ganzen Lebens – froh zu wagen.“</p>
<p><strong>Europa braucht Phantasie, Einbildungskraft und die Erweckung der künstlerischen und schöpferischen Potenzen in jedem Einzelnen von uns</strong></p>
<p>Gerade in dem Punkt bleibt er unverbesserlicher Idealist, wenn er sich für eine nicht auf die engen Grenzen der Ausbildung reduzierten Bildung ausspricht: „Auf die Formung der Kräfte in diesem Innenraum des Menschen kommt es ebenso sehr an wie auf die Erziehung der intellektuellen Kräfte.“ Und er erzählt – jedenfalls den VertreterInnen kultureller Bildung – nichts Neues, wenn er der Erziehung zur Phantasie, der Einbildungskraft und der Erweckung der künstlerischen und schöpferischen Potenzen im Einzelnen ganz besondere Bedeutung zumisst: „Menschen werden erst ganz Ja zu Europa sagen, das sie selbst mitschaffen können: nach Innen, in einem sich weitenden und vertiefenden Innenraum, und nach Außen.“<br /><br />Von vielen KommentatorInnen wird Europa heute abgeschrieben. Allerorten tönt es defaitistisch: „Europa ist tot!“ Das Ausscheren Großbritanniens aus den Entscheidungen des jüngsten EU-Gipfels ist ihnen der vorerst letzte Beleg für das Brüchigwerden des stockenden Integrationsprozesses angesichts der unabsehbaren wirtschaftlichen Turbulenzen. Was sie nicht sagen, ist, dass Großbritannien immer wieder auf eine gewisse Sonderrolle gepocht hat. Peter Preston hat dazu bereits 1998 einen satirischen Roman <a href="http://www.zeit.de/1998/41/Einundfuenfzig_" target="_blank">„The 51st State“</a> verfasst, in dem er die Ambivalenz Großbritanniens gegenüber dem Rest Europas anhand seiner Umwandlung von einem EU-Mitglied zum 51sten Bundesstaat der Vereinigen Staaten imaginiert. Und auch der ungebrochene Wunsch von zumindest sechs europäischen Ländern, auch noch jetzt oder gerade jetzt, der Europäischen Union anzugehören, bleibt da schon einmal unerwähnt. <br /><br />Die Rückmeldungen der jungen Menschen zu ihren momentanen Befindlichkeiten gibt den Euroskeptikern, die es immer schon besser gewusst haben, vorerst Recht. Der unaufhaltsame Sog in eine sinnstiftende gemeinsame Zukunft scheint – jedenfalls fürs Erste – gebrochen. Und doch: Vielleicht bedarf es des Blickes eines Historikers wie Friedrich Heer, der uns deutlich macht, dass erstens früher nicht alles besser war, und zweitens, dass alle Versuche, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, immer noch in die Irre geführt haben.</p>
<p><strong>Europa als ein historisch einmaliges politisches Experiment</strong></p>
<p>Wenn wir stattdessen die Bildung unserer Vorstellungskraft strapazieren, dann könnte vor uns nochmals das Bild eines historisch einmaligen politischen Experiments entstehen, dessen Zeitzeugen zu sein wir das einmalige Privileg haben. „Es war eine Operation am offenen Herzen“, meinte ein Berichterstatter nach der letzten langen Nacht in Brüssel, in der sich immerhin die Regierungschefs von 26 Ländern zu einer gemeinsamen Vorgangsweise verpflichtet haben. <br /><br />Und in der Tat: Das, was da passiert, ist ein ungeheurer, bislang nicht gekannter Vorgang, bei dem sich – zugegeben unter beträchtlichem wirtschaftlichen Druck – die RepräsentantInnen rund einer halben Milliarde Menschen „mit all ihren verschiedenen unbewältigten Vergangenheiten in einer unbewältigten Gegenwart in eine undurchsichtige Zukunft“ (Heer) über ein gemeinsames politisches Konzept verständigen. Sie vertrauen im Letzten darauf, in Konflikten leben zu können und doch zu gemeinsamen Lösungen zu gelangen. Und das ist wohl die eigentliche historische Tragweite, die wir als von den Tagesaktualitäten der Medien getriebene Zeitzeugen nicht aus den Augen verlieren sollten.<br /><br />Denn im Vergleich zu den Einschätzungen von Friedrich Heer aus 1962 bedeutet das schiere Fortschreiten des europäischen Integrationsprozesses –  über die fundamentalen Wechsel der politischen Systeme in vielen Ländern Europas hinweg – eine ungeheure Leistung. Zu rasch neigen wir dazu zu vergessen, dass 1962 das heute gerne als Krisenverursacher apostrophierte Griechenland noch von einer Militärjunta, Spanien und Portugal faschistisch regiert wurden und sich niemand vorstellen konnte, dass die Länder des Ostblocks einmal Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft werden könnten. <br /><br />Und doch macht der Bezug zur Befragung der jungen Menschen in Österreich deutlich, was alles noch zu leisten ist. Bernd Ulrich lässt in seinem Beitrag <a href="http://www.zeit.de/2011/51/01-Schuldenkrise" target="_blank">„Stärker, besser, mehr“</a> in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitschrift Die Zeit über das Ausmaß der aktuellen Schwierigkeiten im Zweifel; „Man sieht schon, die Politiker werden noch viele Gipfel brauchen, bis wieder ein wenig Ruhe und Solidität in die Sache kommt. Die Geduld der Bürger wird dabei enorm strapaziert – und ihr Gerechtigkeitssinn.“<br /><br />Und doch schließt er mit einem positiven Resümee: „2011 war ein gutes Jahr für Europa. Allerdings: 2012 muss noch besser werden… Die Lösungen werden nicht perfekt, sie werden europäisch sein.“<br /><br />In diesem Sinn darf ich mich an dieser Stelle für Ihre Lesetreue in diesem Jahr ganz herzlich bedanken und uns allen wünschen, dass sowohl Friedrich Heer als auch Bernd Ulrich Recht behalten und dass sich das, was das europäische Projekt mit all seinen Rückschlägen auf immer neue Weise auszeichnet, irgendwann auch in den Befragungen zum Wertewandel der jungen Menschen niederschlägt.</p>]]></content:encoded>
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