Wimmer’s Weekly
Neueste Beiträge
- Was am Ende zählt ist das Fragen
- Ach, Europa!
- Über ein altes „Gesetz gegen Schmutz und Schund“ aus dem Jahr 1950 und was davon bis heute weiter wirkt
- Über die alte Wissenschaftsfeindlichkeit in Österreich und die neue Lustigkeit der Wissenschaftsvermittlung
- „Kultur tötet! Tatsächlich!“ („Kultura ubija! Dobesedno!“) Alle Beiträge anzeigen
Mai 31, 2012
Im Rahmen der jüngsten Podiumsdiskussion zum Thema Kulturinfarkt – Zwischen Zieldiskussion und Verteidigungskampf meinte der Kulturmanager Peter Rantasa, der schwedische Erfolg beim diesjährigen Europäischen Song Contest lasse sich vor allem auf die systematischen musikalischen Bildungsmaßnahmen, die in Schweden eingeführt worden sind, zurückführen.
Auf der Suche nach letzten Strohhalmen zur Begründung kultureller Bildung mag Loreens „Euphoria“ kurzfristig öffentlichkeitswirksam punkten. Es gilt aber auch der Umkehrschluss, dass möglicherweise mit den künstlerischen Qualitätsanforderungen kultureller Bildung in Schweden (und anderswo) etwas nicht stimmen kann, wenn dieser Song zum zentralen Ergebnis hochstilisiert werden muss. Oder um es noch deutlicher zu sagen, dass man die diesbezüglichen Bemühungen um eine breitenwirksame kulturelle Bildung möglichst schnell beenden sollte, wenn letztendlich „Euphoria“ herauskommt.
Der Bezug wird noch etwas heikler, wenn man sich die Zweitplazierten des ESC genauer ansieht. Immerhin konnten die Buranowski Babuschki mit ihrem Song Party for Everybody! die zweithöchste Stimmenzahl auf sich vereinen. Mit ihrer roten Tracht aus einem 600 Einwohner Seelendorf in der „udmurtischen Pampa“ waren die sechs – wie es in der Ankündigung hieß – „kleinen russischen Großmütter mit ihrer folkloristischen, glaubwürdigen und herzerweichend niedlichen Nummer“ keine Neulinge. Sie kamen bereits 2010 in die russische Vorentscheidung und genießen seither im Land so etwas wie Kultstatus. In ihrem Fall kann wohl erst gar nicht von einem Ergebnis systematischer kultureller Bildung gesprochen werden; eher von einem gelungenen Marketing-Coup eines russischen Fernsehsenders, der auf diese Weise zu beweisen vermochte, dass „Boom! Boom!“ aus dem Mund von Omas aus Buranowo für den Durchschnittszuschauer mittlerweile europatauglich geworden ist.
Die jährliche Wiederkehr des Rituals „Song Contest“, dessen Endausscheidung Österreich mit der oberösterreichischen Gruppe „Trackshittaz“ einmal mehr verfehlt hat (nach obiger Argumentation eigentlich unverständlich, wenn Oberösterreich als das Mekka des österreichischen Musikschulwesens gilt), stellt für VertreterInnen der kulturellen Bildung eine besondere Herausforderung dar. Kurzfristig wird das Mitverfolgen erträglicher, wenn der Verlauf von den zynischen und zunehmend alkoholgeschwängerten Kommentaren von Stermann & Grissemann begleitet wird und man die eigene Verlegenheit weglachen kann. Mit wachsender Distanz aber rückt die Frage in den Vordergrund, ob dass alles eigentlich wahr sein kann und was an kulturellen Bildungsmaßnahmen falsch gelaufen sein muss, damit es zu einer solchen massenhaften Geschmacksverirrung kommen konnte.
Lieber keine schlechte kulturelle Bildung als irgendeine
In Anne Bamfords Wow-Factor findet sich die These, dass kulturelle Bildung nicht per se gut ist. Es gäbe durchaus schlechte Formen kultureller Bildung und sie empfiehlt dringend, statt irgendwelchen gar keine Aktivitäten anzubieten. Nun scheint es den AkteurInnen in dem Feld besonders schwer zu fallen, das was schlecht ist zu identifizieren, zu bezeichnen oder gar damit aufzuhören. Es ist, als wabere ein Tabu über der Frage der jeweiligen künstlerischen Qualitätsansprüche, die das Dogma infrage zu stellen droht, kulturelle Bildung sei doch in erster Linie darauf gerichtet, junge Menschen ohne jede Wertung zum Singen, Tanzen und Musizieren anzuregen (und ihnen diese Tätigkeit Spaß macht).
Diese Art von Spaß findet dann seine Entsprechung auf der großen ESC-Bühne in Baku: Ja auch dort wird gesungen, getanzt und musiziert. Und das auf eine Weise, die vor allem die völlige Belanglosigkeit dessen, was da geboten wird, zur Kenntlichkeit verzerrt. Und vielleicht sind die Veranstalter auf diese Art von Belanglosigkeit ja auch noch stolz, weil genau das ihren Vorstellungen von inhaltsentleerter Unterhaltung entspricht, die die russischen Babuschkas davon singen lässt, „wie sie sich selbst und das Zuhause schön herrichten und sich freuen, dass die Kinder und Verwandten nach Hause kommen. Dann gibt es eine Party für alle und man tanzt und singt gemeinsam. Boom! Boom!“.
Kulturelle Bildung als Beitrag zur europäischen Belanglosigkeit. Nicht ganz, ein kleiner Hoffungsstrahl taucht noch einmal auf, wenn die Votings auf so manche regionale Komplizenschaft hindeuten, die der gut meinende Außenstehende auf der Suche nach europäischer Diversität als Fortbestand regional bestimmender ästhetischer Vorlieben zu interpretieren versucht. Und dann feststellen muss, dass sich dabei doch nur die jeweiligen Lobbys der Musikindustrie das Geschäft untereinander ausmachen.
Kann und soll kulturelle Bildung geschmacksbildend sein?
Was mich in diesem Zusammenhang beschäftigt ist die Frage nach der geschmacksbildenden Kraft kultureller Bildung. Ist es angesichts der gegenwärtigen Vielfalt des kulturellen Angebotes überhaupt noch legitim, den Anspruch auf ein auf der Grundlage von Bildung entwickeltes Geschmacksurteil aufrechtzuerhalten oder hat sich die kulturelle Bildungsszene in einer missverstandenen Interpretation demokratischer Mitwirkung klammheimlich bereits längst darauf verständigt, die Sache selbst und damit das Singen und Tanzen und was es sonst noch an ästhetischen Ausdrucksformen zu einer Art inhaltsleerem Selbstzweck zu verklären?
Demnach würden die allerorts propagierten positiven Effekte wie Förderung der Lernmotivation, soziale Integration, Abbau von Gewaltbereitschaft und was sonst noch alles zu gerne ins Treffen geführt wird, keiner inhaltlichen Absicht entsprechen müssen, sondern sich mit dem weitgehend absichtslosen ästhetischen Handeln quasi von selbst einstellen. Und damit kann auf eine mühsame inhaltliche Ausgestaltung dessen, was mit ästhetischen Mitteln ausgedrückt werden soll, weitgehend verzichtet werden.
Dieser Tendenz entsprechend fällt mir auf, dass in und rund um Diskussionen zu kultureller Bildung die Fähigkeit zur „ästhetischen Urteilsbildung“ und damit der Geschmacksbildung wenn überhaupt, dann nur ein sehr geringer Stellenwert eingeräumt wird. Es scheint bestenfalls als ein zu überwindendes Überbleibsel einer bildungsbürgerlichen Attitüde, deren TrägerInnen in ihrem Standesdünkel vermeinten, sich mithilfe des eigenen Geschmacksurteils von anderen abgrenzen zu können.
Außen vor bleibt hingegen der Umstand, dass die Fähigkeit, zu einem qualifizierten Geschmacksurteil zu kommen, nicht angeboren ist, sondern nach wie vor mühsam erworben werden will und es darum geht, sich mit künstlerischen Arbeiten intensiv auseinanderzusetzen, sie zu durchdringen zu versuchen und auf der Grundlage zu Aussagen zu kommen, die über „Es hat mir gut gefallen!“ oder „Russia twelve points“ hinausweisen.
Bedingt demokratische Verfasstheit die Geschmacklosigkeit der BürgerInnen?
Ein Geschmacksurteil setzt eine ebenso begründete wie überzeugende Haltung gegenüber ästhetischen Ausdrucksformen voraus (egal ob diese selbstgestaltet oder von anderen präsentiert werden) und es will mir nicht in den Kopf, dass eine demokratische Gesellschaft auf diesbezügliche Fähigkeiten verzichten kann, nur deshalb, weil diese die längste Zeit von einer kleinen Elite zur Schaffung sozialer Distinktionsgewinne missbraucht worden sind.
Gerade dort, wo „Individualisierung“ zu einem Leitbegriff der aktuellen Bildungsentwicklung geworden ist, scheint es mir ein vorrangiges Lernziel, möglichst viele Menschen mit der Fähigkeit auszustatten, eine begründete Haltung zu dem, was sie ästhetisch umgibt, zu entwickeln und daraus entsprechende Schlüsse zu ziehen.
Wahr ist, dass die zentralen geschmacksbildenden Instanzen, sei es die Schule oder die traditionellen Kunst- und Kultureinrichtungen, die bislang für sich beansprucht haben, nicht nur handlungs-, sondern auch haltungsleitend zu sein, zunehmend an Überzeugungskraft verlieren. Die Antwort kann jedoch nicht sein, damit auf ästhetische Haltungen überhaupt zu verzichten, sondern neue Settings zu entwerfen um diese individuell zu entwickeln und aneinander zu erproben.
Für das System Kulturelle Bildung könnte das heißen, nicht weiter darauf zu vertrauen, mit der Teilnahme an kulturellen Aktivitäten entwickelte sich das ästhetische Geschmacksurteil quasi von selbst. Das ist ganz offensichtlich nicht der Fall. Viel wahrscheinlicher ist eine weitere ästhetische Verwahrlosung (die in der Regel einhergeht mit ihrer sozialen Entsprechung); eine Tendenz, die sich etwa mit der Verflachung weiter Teile des Fernsehprogramms auf beeindruckende Weise belegen lässt (umso erfreulicher, dass sich immer mehr junge Menschen als regelmäßige Fernsehkonsumenten abmelden, was Fernsehen zunehmend zu einem Medium der Alten macht – vielleicht auch daher die Entscheidung für die Babuschkas).
Zugegeben, dagegen anzutreten stellt für KulturpädagogInnen eine große Herausforderung dar. Immerhin besteht ihr Ausgangsmaterial aus den beherrschenden ästhetischen Klischees einer machtvollen Kulturindustrie, die die Geschmacksbildung der jungen Menschen ebenso nachhaltig wie scheinbar mühelos beeinflusst. Da bleiben sie mit ihren eigenen ästhetischen Ansprüchen – sofern sie solche haben – nur zu leicht auf verlorenem Posten.
Und doch: Erst wenn sie sich selbst aus der Deckung wagen und – als glaubwürdige Vorbilder – von ihrem eigenen, individuell erarbeiteten und begründeten ästhetischen Urteilsvermögen Gebrauch machen, werden sie andere motivieren können, ihnen zu folgen.
Wenn sie es nicht tun, dann hat Rantasa Recht und Kulturelle Bildung verkommt sowohl auf ProduzentInnen- als auch auf KonsumentInnenseite zum Zulieferbetrieb für den nächsten Europäischen Song Contest. Und dann können sie es gleich sein lassen.
-
Martin Sigmund (Jun 6, 2012)
Lieber Michael, danke dir für diesen spannenden Text – wieder einmal. Und gleich einige widersprechende Anmerkungen dazu: Mir scheint der Hund in der Verwendung des Begriffs “Geschmack” zu liegen, der mir sehr schwer diskutierbar scheint. Über Geschmack lässt sich nicht streiten – nicht weil “guter Geschmack” ohnehin klar ist, sondern ganz im Gegenteil: weil der Begriff zu viele verwaschene Subtexte transportiert, etwa die obskure Idee von “Geschmacklosigkeit”. Mein Vorschlag wäre, eher auf den Begriff der “Präferenzen” zurückzugreifen. Schließlich hat jeder Mensch kulturelle Präferenzen, niemand ist “präferenzlos”. Eine Literaturempfehlung (falls du sie nicht ohnehin längst kennst): Andreas Gebesmair – Grundzüge einer Soziologie des Musikgeschmacks. Scheint mir in dieser Diskussion weitaus hilfreicher als Adorno/Horkheimer. lg Martin
-
Peter Winkels (Jun 6, 2012)
Lieber Michael Wimmer, vielen Dank für die anregende Betrachtung des Eurovision Song Contest und das was diese Veranstaltung über den Stand der kulturellen Bildung aussagt. Ich halte dann doch am Begriff des Geschmacks fest, weil ich in ihm eine wunderbare Analogie zum Kochen entdecke, die vielleicht auch Aussagen über den Umgang mit dem scheußlichen Qualitätsbegriff in der kulturellen Bildung treffen lässt. Es ist schlicht Unsinn, dass Kinder, ließe man sie gewähren sich nur von Fast food ernähren würden. Auch wenn sie in einem bestimmten Alter gerne wochenlang Nudeln mit Tomatenketchup in sich hinein schaufeln können, kommt an irgendeinem Punkt der menschliche Drang nach vielfältigen Sinneseindrücken hervor. Selbst Neunjährige habe ich schon mit Vergnügen Austern essen sehen! Bringt man Menschen mit einer Vielfalt von Sinneseindrücken in Berührung, dann entwickeln sie die Fähigkeit zu unterscheiden: Aus Bitter, Süß, Sauer & Scharf fächern sich potentiell unendliche Geschmacksnuancen auf. — Und deshalb sind beide Varianten der Beschränkung schädlich: Kinder müssen auch schlechte Erfahrungen kultureller Bildung machen dürfen: Projekte müssen scheitern können. Schlimm wäre es, wenn es die einzigen wären. Sie und nicht wir Profis haben am Ende zu entscheiden, welchen Gewinn sie aus Projekten kultureller Bildung ziehen. Mir graut davor, dass verdiente Kulturvermittler des Volkes um den Tisch sitzen und wiedermal Curricula entwickeln, im Namen der Qualität am Geschmack der Zielgruppen vorbei. Und nun zurück zum Contest: Es muss auch mal Fast food sein! Immer nur Beethoven, immer nur Free Jazz macht doch genauso borniert und ästhetisch “unempfindsam” wie die Kirmesmusik aus Baku. Ein Problem wird es dann nur, wenn ausgerechnet das Fernsehen zum einzigen Medium wird, über das konzertante Musik wahrgenommen wird. Dann kann man schon glauben, dass die industrielle Produktion von Musik etwas anderes sei als das Abfallprodukt kultureller Bildung. (Etwa so, denke ich, verhält es sich mit der mathematischen Bildung und dem gewerbsmäßigen Fabrizieren von Algorithmen für den Finanzmarkt … Aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte… )
PW -
Michael Wimmer (Jun 10, 2012)
Lieber Martin, danke für Deine Rückmeldung. Es war mir bewußt, mit der Verwendung von “Geschmack” und – noch viel mehr – von “Geschmacklosigkeit” Irritation auszulösen. Der Reflex “Geschmacksanspruch ist gleich soziale Abgrenzung” funktioniert einfach zu gut. Und überhaupt: Das Geschmacksurteil ist doch inhaltleer und selbstbezogen. Ensprechend ließe sich nicht darüber streiten. Und doch will ich mich mit Deinem Lösungsangebot nicht zufrieden geben. Ich lasse mich von Gebesmair gerne eines Besseren belehren aber mit dem Begriff der “Präferenz” identifiziere ich zuallererst den Versuch der sozialen Zuschreibung, eine passive Eigenschaft als Mitglied einer vorgestellten sozialen Gruppe also, die mir und meinesgleichen von Marktforschern angeklebt wird. Das mag für Außenstehende hilfreich sein zur Orientierung im Dickicht des unübersichtlichen Gruppenverhaltens. Mir aber geht es um das individuelle, darüber hinaus das aktive Verhalten. Dieses verweist natürlich auf soziale Zugehörigkeiten, weist aber – und das ist mein Punkt – darüber hinaus. In dem Sinn ist die Entwicklung eines Geschmacksurteils Arbeit an der eigenen Individualisierung. Das kann anstrengend, mühsam aber auch sehr lustvoll sein. Es repräsentiert einen Anspruch, eine Fähigkeit und damit eine Lebensqualität, die wir angesichts der “Präferenzen” drauf und dran sind zu verlernen (und dazu auch noch gute Gründe liefern bis am Ende die singenden Russinnen herauskommen). Mein Ideal in dem Zusammenhang “Geschmack für alle”. Und zwar nicht den gleichen sondern als fruchtbaren Streit der vielen, die sich mit ihren ästhetischen Erfahrungen täglich neu auseinandersetzen und darauf ihr ästhetisches Urteil begründen. Über einen solchen kenntnis- und erfahrungsgesättigten Anspruch gegenüber der Welt lohnt es sich sehr wohl zu streiten. Immerhin geht es – wenn auch auf spielerische Weise – ums Ganze, also um unser Leben und wie wir es ästhetisch gestalten (oder es uns als vermeintliche Präferenz aufzwingen lassen). Und darauf haben – Adorno hin oder her – alle Anspruch.
