Wimmer’s Weekly
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Februar 20, 2012
Meist bemerke ich sie gar nicht; aber diesmal sind sie mir wieder aufgefallen, die gezwungen freundlichen jungen Menschen, die den Passagieren auf dem Weg zum Ausgang mit mehr oder weniger nettem Lächeln die Zeitung „wien live“ in die Hand drücken wollen. Die meisten nehmen sie gar nicht zur Kenntnis und gehen – bereits zugedröhnt von irgendwelchen Werbedurchsagen – an ihnen vorbei.
Weil wir gerade aus Spanien zurückkommen, wo mittlerweile bereits rund 50% der jungen Menschen arbeitslos sind, könnte man meinen, dass die VerteilerInnen es hier in Wien doch noch gut getroffen haben. Sie haben immerhin einen Job. Und doch denke ich mir – wenn ich in die leeren Augen schaue – dass hier nicht in erster Linie der kulturelle Reichtum der Stadt Wien, sondern eine unglaubliche Verschleuderung von menschlichen Fähigkeiten zur Schau gestellt wird. Da werden junge Menschen, die von ihren Eltern mühsam auf den Weg gebracht wurden, die viele Jahre und vielleicht sogar eine Universitätsausbildung hinter sich gebracht haben, auf einen Handgriff reduziert, der auf der Grundlage einer immer wieder verweigerten Kommunikation stattfindet. Und wir finden das mittlerweile ganz normal und gehen weiter.
Es gibt Schlimmeres, werden Sie einwenden. Und in der Tat spricht nichts dagegen, dass auch gut ausgebildete junge Menschen einfache Arbeiten verrichten sollen; es ist die hier demonstrativ vorgeführte Sinnentleerung, die mich die Frage nicht zurückhalten lässt, ob diese Menschen nicht etwas Besseres zu tun haben bzw. zu tun haben könnten oder sollten.
Ich bin, also verdiene ich
Die Vermutung, dass es sich bei dieser Form der Sinnentleerung nicht um einen isolierten Einzelfall handelt, kam mir ausgerechnet in der Sauna des Hotels, in dem ich die Semesterferien mit meiner Familie verbracht habe. Die Zwangsintimität der Situation öffnet ja so manchen Mund und daher ist man als stumm Schwitzender den Logorrhoe getriebenen Ergüssen der übrigen ungeschützt ausgesetzt, auch wenn diese mehr über den Redner aussagen, als diesen lieb sein kann.
Meine Erfahrungen in der Saunakammer lassen sich als Staunen über den Stand kollektiver Ichbezüglichkeit zusammenfassen: In immer neuen Wellen redete jeder von sich, was sie nicht alles gemacht haben, was sie demnächst machen werden, und vor allem, wie sehr sie sich das alles verdient haben und wie sehr es ihnen zusteht. Das ergab einen lauten gemeinsamen Generalbass all dieser Selbstauskünfte: Wir haben etwas zu verteidigen und wir werden es – wenn notwendig – mit den erforderlichen Mitteln tun.
Nun könnte man sagen, eine solche Konzentration auf das eigene Ich und dessen Wohlbefinden ist doch nur zu natürlich für all diejenigen, die intuitiv spüren, dass die wachsenden Verteilungskämpfe drauf und dran sind, ihre mühsam erkämpften Privilegien zu bedrohen. Die Sinnentleerung ergab sich für mich vor allem daraus, dass es außer der stereotypen Wiederholung des Anspruchs „Ich bin, also verdiene ich“ ganz offensichtlich nichts zu sagen gab. Es war mir, als wäre alles, was über die eigene Selbstaffirmation hinauszureichen drohte, in einen dicken Mantel des Schweigens gehüllt.
Im jüngsten Roman des französischen Autors Michel Houellebecq „Karte und Gebiet“ heißt es, „ein Ascheschleier schien sich über den Geist der Menschen gelegt zu haben“. Dieser lasse das Interesse an so etwas wie „Gemeinsinn“ vergessen. Als wären sie dem Roman entsprungen, agierten die Mitwirkenden dieses Saunaexperimentes als unfreiwillige Zeugen einer auf Autopilot geschalteten „modernen Gesellschaft“, die sich in den starken Worten von Houellebecq „als ein tumbes gefräßiges Monster durch die Zeit wälzt, alles Fremde einverleibt und symbolisch verspeist“, während der dahinterliegende Sinn (bzw. Unsinn) dieser Entwicklung hinter dem apostrophierten Ascheschleier zu versinken droht.
Eigentlich gespenstisch, wie da in Europa ein zunehmend unkoordinierter Transformationsprozess stattfindet, der noch vor wenigen Jahren als undenkbar angesehen wurde und doch die Existenzgrundlagen von immer mehr Menschen nachhaltig verschlechtert, ohne nochmals eine breitere Diskussion zu evozieren, die in der Lage wäre, die Voraussetzungen für eine neue Generation nicht nur von fiskalischen und ökonomischen, sondern von politischen Interventionsformen zu schaffen.
Was bleibt, ist ein kollektives „Rette sich, wer kann“ in und außerhalb der Sauna. Eine gute Grundlage für Houellebecqs rückwärtsgewandte Vorstellungen, wenn er in seinem Roman eine neue Klassengesellschaft entstehen lässt, in der den Vielen der Zwang zukommt, sich durch Abfallberge zu wühlen, um in den ausufernden Banlieues (der Ausdruck kommt von „Bannmeile“) von Paris zu überleben.
Vom Leiden und vom Vergessen
Aber noch sind wir nicht ganz so weit: Bei unserem Spanienaufenthalt erzählte mir eine Kollegin von der Frage ihres 16jährigen Sohnes, wieso es denn möglich sei, dass solche Entwicklungen wie zur Zeit in Griechenland, die so viele Menschen ins Elend stürzen würden, überhaupt stattfinden könnten, wer dafür verantwortlich sei und wie sie verhindert werden könnten? Und sie musste zugeben, dass sie in ihren Erklärungsversuchen wesentlich auf eine veröffentlichte Meinung angewiesen sei, die sie immer häufiger auf das Glatteis einseitiger Zuschreibungen bzw. Stereotypien führen würde. Jedenfalls fühle auch sie sich vor allem verunsichert, ja verängstigt, was es ihr zunehmend schwer mache, einen Sinn in dem, was da gerade passiert, zu erkennen. Ihr bleibe, wie vielen ihrer ZeitgenossInnen, unter der gegenwärtigen Situation zu leiden, und – wenn möglich – die Auswirkungen nicht all zu nah herankommen zu lassen.
Nun war es ja zu keiner Zeit einfach, „die Verhältnisse“ richtig einzuschätzen. Das, was mir so besonders an der aktuellen Situation zu sein scheint, ist die spezifische Ungleichzeitigkeit von Möglichkeits- und Wirklichkeitsform. Das beginnt mit den technologischen Errungenschaften, die uns – wie nie zu vor in der Geschichte – ein ausdifferenziertes Instrumentarium an die Hand geben, die Welt zu erfahren, zu nutzen und sich mit seiner/ihrem Umfeld in sinnstiftende Beziehungen zu setzen.
Und doch haben diese – jedenfalls bislang – nicht zur massenhaften Freisetzung von Subjekten geführt, die bereit und willens wären, mit ihren ausdifferenzierten Persönlichkeitsstrukturen den Sinnhaushalt der modernen Gesellschaften nachhaltig zu bereichern. Ihre Prototypen sitzen stattdessen in der heißen Kammer und erzählen – ausschließlich – von sich.
Für Peter Handke, zugegeben auch er ein perennierender Kulturpessimist, hat die erhoffte Emanzipation des modernen Subjekts nicht stattgefunden. Was er in seinem Roman „Der große Fall“ stattdessen konstatiert, das sind „Typen, nur noch Endverbraucher, Trademarks auf zwei Beinen, Mountainbiker, Jogger, Gerätebenutzer“. Jedenfalls alles andere als gute Zuschreibungen für das Näherkommen an eine Möglichkeitsform, in der sich souveräne BürgerInnen auf die Produktion von sinnstiftender Gesellschaftlichkeit verstehen.
Aber nicht nur die technologischen Gestaltungsspielräume, auch die Bildungsvoraussetzungen haben sich, ganz besonders in Europa, nicht nur für eine kleine Elite, sondern für weite Teile der Bevölkerungen in den letzten Jahren nachhaltig verbessert. Das hat freilich nicht dazu geführt, dass diese Bildungsinnovationen in offensiver Weise für die Schaffung von überindividueller Sinnstiftung (um nicht zu sagen Politisierung) genutzt würden. Geht es jedenfalls nach dem Essayisten Karl-Markus Gauß, dann gibt es einen gegenteiligen Trend. Er weist in seinem jüngsten Essayband „Ruhm am Nachmittag“ von der Bildung direkt zur Dummheit: „Die alte Elite, das Bündnis von Geld, Bildung und Privilegien, war eine schauerliche Sache. Die neue Elite, das Bündnis von Geld, Dummheit und Korruption, ist nicht weniger widerlich.“
Warum mit Hochtechnologie immer nur Suppe kochen
In jedem Fall haben die verbesserten Bildungsstände nicht dazu geführt, sie für eine neue Generation handlungsleitender Zukunftsvorstellungen zu nutzen. Mit bleibt der Vergleich der erreichten Bildungsniveaus zu hoch aufgerüsteten technischen Geräten, die mittlerweile über eine Vielfalt von Funktionen verfügen und doch – siehe unsere „wien live“-VerteilerInnen – immer nur zum Aufwärmen von Suppe genutzt werden.
Es war Margret Thatcher, die während ihrer Amtszeit als britische Premierministerin den Satz „there is nothing like society“ nicht nur geprägt, sondern auch zum Ausgangspunkt ihres politischen Programms gemacht hat. Ihr zur Seite ist mittlerweile eine Heerschar von Moderne-KritikerInnen getreten, die – siehe Houellebecq oder Handke – davon ausgehen, die Moderne hätte sich zu Tode gesiegt, es sei Zeit für einen neuen Epochenbeginn, der die Frage des jungen Spaniers, wie es zu dem Griechenland-Desaster hat kommen können, erst gar nicht mehr aufkommen lassen wird. Vom Ergebnis konnte ich mich auf den Saunabänken im wahrsten Sinn hautnah überzeugen.
Wie immer das Experiment am offenen Körper, das zur Zeit in Europa hinter dem apostrophierten „Ascheschleier“ verhandelt wird, ausgehen wird, die Auswirkungen, die sich mit einer vorschnellen Verabschiedung von so etwas wie „moderner Gesellschaft“ als kollektives Emanzipationsprojekt (dessen Pathologien zuletzt Axel Honneth nochmals eindrucksvoll in seinem Buch „Das Recht der Freiheit“ analysiert hat) möchte ich mir gar nicht vorstellen.
Sie gibt es freilich nicht umsonst und sie kommt auch nicht von alleine. Als Ergebnis einer immer wieder erneuerten inhaltlichen Ausgestaltung bemisst sich ihre Tragfähigkeit in erster Linie darin, das Interesse der BürgerInnen nicht nur an sich, sondern in gleicher Weise an der Gesellschaft wach zu halten, und damit inwieweit sie bereit sind, sich an der dafür notwendigen Sinnproduktion auch aktiv zu beteiligen.
Vielleicht ist das ja der wichtigste Inhalt des Konzeptes zum „Lebensbegleitenden Lernen“, bei dem sich die Lernenden nicht darauf beschränken, einmal erworbene Bildung als zunehmend fragwürdigen Statusvorteil für den Rest des Lebens zu verteidigen, sondern bereit sind, sich in einem Leben einzurichten, das getragen ist von einem lebenslangen Interesse an dem, was um uns herum passiert, wie es passiert, um dazu eine nachvollziehbare Haltung zu entwickeln.
Dazu könnte Meryl Streep als Darstellerin von Margret Thatcher im Film „The Iron Lady“ das Motto geschrieben haben: „And I am fucking happy to be here.“
Februar 14, 2012
Bei einem der Round Tables, die EDUCULT für unsere Recherche in Sachen „Ruhratlas“ durchgeführt hat, berichtete ein Musikschuldirektor von den Auswirkungen des Projektes „JeKi – Jedem Kind ein Instrument” auf sein Haus. Traditionell beschränke sich das Angebot seines Hauses auf die Erwartungen bürgerlicher Familien, deren Kinder dank eines fördernden Elternhauses ein musikalisches Vorverständnis mitbrächten, das es zu pflegen und weiterzuentwickeln gelte. Mehr oder weniger bewusst wurde dabei eine Auswahl von rund 2% musikalisch begabter junger Menschen getroffen, die als geeignet angesehen wurden, die Stafette der klassischen Musiktradition weiterzutragen. Die LehrerInnen vermochten so auf der Grundlage eines musikalischen Selbstverständnisses zu unterrichten, das von den SchülerInnen unmittelbar verstanden und daher auch nicht groß in Zweifel gezogen wurde.
Mit der Großaktion „Jedem Kind sein Instrument“, die seit 2006/07 vom Land Nordrhein-Westfalen zusammen mit einigen großen deutschen Stiftungen ausgerichtet wird (und mittlerweile auch in anderen deutschen Bundesländern durchgeführt wird), sollten diese Arbeitsgrundlagen der MusikschullehrerInnen nachhaltig erschüttert werden. Ab sofort galt es, sich vom Anspruchsdenken einer ausgewählten Klientel zu verabschieden und sich statt dessen auf musikalische Lernprozesse einer Mehrheit junger Menschen einzulassen, die von zu Hause ganz andere, in jedem Fall sehr unterschiedliche kulturelle Prioritäten mitbringen. Und das nicht mehr mit einigen wenigen, sondern mit vielen, im Idealfall mit allen.
Eindrücklich wies uns der Musikschuldirektor darauf hin, welche Herausforderung dies für „seine“ LehrerInnen bedeute, die sich auf ganz neue Kommunikationsprozesse einlassen müssten und nicht mehr „automatisch“ davon ausgehen könnten, dass ihre musikalischen Botschaften über die sozialen Grenzen hinweg so verstanden würden, wie sie das bisher als selbstverständlich annehmen könnten.
Nun nimmt „JeKi“ wie mittlerweile viele andere europäische Musikvermittlungsinitiativen gerne Bezug auf „El Sistema“, einer venezolanischen Jugendorchester-Bewegung, die beispielhaft das Erlernen klassischer Musik für die soziale Integration junger Menschen in gefährdeten Lebensumständen nutzt. Erfreulich dabei ist sicherlich die Umkehrung des Entwicklungsgedankens, der diesmal nicht ein weiteres Mal ein europäisches Modell in Lateinamerika implementieren möchte sondern den dortigen Hype für die Promotion von neuen Vermittlungsinitiativen im traditionsreichen alten Kontinent nützt.
Schwieriger erscheint das weitgehende Negieren der unterschiedlichen sozialen Bedingungen, in denen Lernen mit Musik stattfindet. Denn – so der Musikschuldirektor – das größte Problem für die Lehrenden bestünde darin, überhaupt einen Draht zu „jedem Kind“ zu finden, wenn es darum geht, deren musikalische Vorlieben verstehen oder gar schätzen zu lernen, die oft so gar nicht mit den eigenen übereinstimmen. Für ihn wurde bald klar, dass die MusikschullehrerInnen mit den eingeübten Methoden der Musikvermittlung angesichts der neuen Zielgruppen rasch ins Leere laufen würden; dass sie stattdessen mit einem „sozialen G’spür“ ausgestattet werden müssen, um auf einer vertrauensvollen Basis zum Teil ganz neue und ungewohnte Lernprozesse in Gang zu setzen. Ein Prozess, der – wie er meint – trotz der beeindruckenden Laufzeit von mittlerweile mehr als fünf Jahren bis heute nicht abgeschlossen ist.
Das „Projekt Südwind“ der Musikschule Linz
Daran habe ich mich erinnert, als ich vorige Woche einen „Klassik Treffpunkt“ auf Ö1 gehört habe, zu dem Otto Brusatti einige LehrerInnen der größten Musikschule Österreichs in Linz eingeladen hatte. Diese Musikschule hatte 2010 eine Recherche zur Herkunft ihrer SchülerInnen durchgeführt und war – analog der Situation in Nordrhein-Westfalen und daher wenig überraschend – zum Ergebnis gekommen, dass ihr Angebot in erster Linie von jungen Menschen aus eher wohlhabenden und alteingesessenen Linzer Familien in den Bezirken Linz Urfahr und Linz Zentrum wahrgenommen würde, während sich Jugendliche bzw. deren Eltern aus dem Süden, die wesentlich schwierigeren sozialen Bedingungen ausgesetzt sind, davon nicht angesprochen fühlten.
Um diese „institutionelle Einseitigkeit“ wenn schon nicht aufzuheben so doch in Frage zu stellen, startete die Linzer Musikschule jüngst das „Projekt Südwind“, um auf die Kinder (und ihre Familien), die von sich aus nicht auf die Idee kommen würden, eine Musikschule zu besuchen, zuzugehen. In einem ersten Schritt soll das Angebot der Schule in allen südlichen Linzer Volksschulen bekannt gemacht werden. Im Anschluss an den Regelunterricht werden Sing- und Rhythmusstunden angeboten, um „das gemeinschaftliche Musizieren zu intensivieren und ein intensiveres und längeres Interesse am Musikinstrument“ zu fördern.
Geht es nach den ersten Erfahrungsberichten, dann zeigt sich auch in diesem Fall, wie herausfordernd es für die MusiklehrerInnen ist, eine gute und belastungsfähige Kommunikation mit den Kindern und Jugendlichen, die den traditionellen Kanon der Werke, die an der Musikschule gelehrt werden, nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, herzustellen. Viele fühlen sich einfach überfordert, wenn es darum geht, das, was ihnen musikalisch wichtig ist, mit Kindern und/oder ihren Eltern zu verhandeln, wenn diese sich davon nicht angesprochen fühlen.
Musik ist wichtig – eine tragfähige Vertrauensbasis über soziale Grenzen hinweg ist wichtiger
Auch wenn es schon viele Jahre zurückliegt, so erinnere ich mich noch zu gut an meine Zeit als Jugendbetreuer in den Jugendzentren der Stadt Wien − wie frustrierend es sein kann, wenn die eigenen musikalischen Vorstellungen kraft Autorität nicht quasi automatisch auf Gegenliebe stoßen. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu erkennen, wie wichtig der langsame und mühsame Aufbau eines gegenseitigen Vertrauensverhältnisses ist, das es überhaupt erst möglich gemacht hat, sich da oder dort über die sozialen Grenzen hinweg, über die unterschiedlichen Vorlieben zu verständigen, ohne gleich die eine gegen die andere ausspielen zu müssen. Das war zum Teil harte Arbeit. Aber es war auch eine wunderbare Gelegenheit, in andere kulturelle Erfahrungswelten einzutauchen, zu denen ich ansonsten nie Zugang gefunden hätte.
Was von diesen Erfahrungen bleibt, ist die Vermutung, dass es bei diesen Versuchen der sozialen Grenzüberschreitung gar nicht so sehr um die Vermittlung der einen oder anderen musikalischen Fähigkeit bzw. Technik geht, vielmehr um den Aufbau einer gegenseitigen Akzeptanz und Wertschätzung, die in der aktuellen, von wachsender Ungleichheit geprägten gesellschaftlichen Verfasstheit zunehmend abhanden zu kommen droht. Auf diese Weise gegen den Strom zu schwimmen, kann mitunter sehr anstrengend sein und setzt einen langen Atem voraus. In jedem Fall bedarf es sozialer Neugierde, um sich aus den wohlbehüteten musikalischen Bastionen des Nordens in das kulturelle Neuland des Südens zu begeben; eine Qualifikation, die über die Fähigkeit zu unterrichten weit hinausreicht.
Ganz offensichtlich wissen die Linzer MusiklehrerInnen um diese Herausforderung; entsprechend lassen sie sich auf ein längeres Verfahren ein, das sie mindestens so verändern wird wie ihre SchülerInnen. Das Lied, das die Kinder im Radio über ihr „Projekt Südwind“ gesungen haben, klang noch sehr nach dem traditionellen Liedgut für die 2% aus Kehlen des großen Restes. Ich kann mir vorstellen, dass in den nächsten Jahren aus Linz noch ganz andere Töne auf uns zukommen.
Januar 30, 2012
2004 hatte EDUCULT die Amsterdamer Kulturstadträtin Hannah Belliot nach Wien eingeladen. Amsterdam zeichnete sich bereits damals durch einen Migrationsanteil seiner BewohnerInnen von mehr als 50% aus. Aus diesem Grund war es – jedenfalls für die Amsterdamer – nicht ungewöhnlich, dass Belliot über einen surinamesischen Hintergrund verfügte, während ihr Kollege im Bildungsbereich sich auf türkische Wurzeln beziehen konnte.
Trotz der langen Tradition des reichen Kulturbetriebs, der seine Begründung im Repräsentationsbedarf eines wohlhabenden Amsterdamer Bürgertums findet, war es für Belliot völlig selbstverständlich, ihre Kulturpolitik auch und vor allem an den kulturellen Bedürfnissen der ZuwanderInnen, die ihren Weg aus mehr als hundert verschiedenen Ländern gefunden hatten, auszurichten.
Mit ihren Vorstellungen einer weitgehenden Identität von Kultur- und Migrationspolitik stieß die liberale Politikerin hier in Wien auf weitgehendes Unverständnis. Als wir versuchten, Gespräche zwischen dem bereits damals amtierende Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny und der Integrationsstadträtin Sonja Wehsely zu vermitteln, wussten beide mit diesem Ansatz wenig bis gar nichts anzufangen. „Andere Baustelle“ lautete die Antwort, um Amsterdam als eigenwilligen Sonderfall in einem linksliberal verfassten Holland abzutun.
Es hat lange gedauert – aber auch Wien wird anders
Ein paar Jahre und einer Gemeinderatswahl mit bereits stereotyp steigendem Stimmenzuwachs für die Freiheitlichen später ist die Wiener Stadtregierung offensichtlich dabei, ihre damalige Position zu überdenken. Es ist vor allem dem Eintritt der Grünen in die Wiener Stadtregierung zu verdanken, dass sich im Jahr 2010 verabschiedeten Regierungsübereinkommen Sätze wie „Kulturpolitik ist immer auch Integrations-, Sozial-, Jugend-. Frauen- und Bildungspolitik“ (S. 48) finden lassen. Plötzlich sehen die AutorInnen einen besonderen Auftrag in einer „Brückenbaufunktion von Kultur“, wonach Kulturpolitik ihre wichtigste Aufgabe „in einer aktiven Einbeziehung aller kulturellen Identitäten in das kulturellen Leben in Wien“ sieht.
Spät und wohl auch als Ausdruck eines politischen Zufalls einer rot-grünen Regierungskoalition (ich kann mir nicht vorstellen, dass mit den Konservativen ein ähnliches kulturpolitisches Grundsatzpapier hätte vereinbart werden können – und an rot-blau oder blau-schwarz in Wien will ich gar nicht denken) scheint eine politische Haltung zumindest temporär mehrheitsfähig, die bereit ist, den Fehdehandschuh der Rechtspopulisten aufzugreifen und deren Trennungs- und Spaltungsversuchen überzeugende Integrationsangebote entgegenzusetzen.
Das Beispiel Belliot zeigt, dass Kulturpolitik eine wichtige, wenn auch „nur“ symbolische Rolle zukommen kann, wenn das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Herkünften gelingen soll. Bei den ersten Versuchen, das neue Regierungsüberkommen mit Leben zu füllen, wird deutlich, dass die Stadtpolitik nicht bei Null anfangen kann. Notwendig scheint es vor allem, den Vertrauensverlust, der sich in den letzten Jahren in die kulturellen Szenen eingegraben hat, wettzumachen. Die bisherige Weigerung, die Veränderungen der demographischen Zusammensetzung der Wiener Bevölkerung (und damit auch in den Herkünften von KünstlerInnen) in die kulturpolitische Entscheidungsfindung einzubeziehen, hat tiefe Spuren hinterlassen.
So etwa finden es die meisten Kunstschaffenden mit Migrationshintergrund als eine erniedrigende Alibiaktion, dass die Kulturabteilung der Stadt Wien in den letzten Jahren eine Förderabteilung für „Stadtteilentwicklung und Interkulturalität“ eingerichtet hat, die – mit ein paar hunderttausend Euro ausgestattet wurde – Förderungen in Tranchen von max. 5.100 Euro vergibt, während sie in den regulären Förderverfahren als eigenständige KünstlerInnen überhaupt nicht wahrgenommen werden. Dort kommen sie bestenfalls mit klischierten Zuschreibungen als ZuwanderInnen vor, um ihnen so die Chance zu nehmen, als vollwertige Mitwirkende am großen Spiel teilzunehmen.
Von wegen gesellschaftliche Vorreiterfunktion des Kulturbetriebs – Künstlernamen und „institutioneller Rassismus“
Viele Betroffene sprechen in diesem Zusammenhang von einem „institutionellen Rassismus“, der KünstlerInnen mit – ganz bestimmten – Zuwanderungshintergründen kaum Chancen gibt, ihre künstlerische Professionalität unter Beweis zu stellen. Statt dessen werden sie – etwa im Theaterbereich entlang ihrer Namen oder ihrer – oft noch dazu falsch interpretierten physiognomischen Eigenarten – als Italiener, Türken oder Nigerianer gerne auf einige wenige Rollen in einschlägigen Milieus als Drogendealer und Kriminelle oder Prostituierte und Zuhälter reduziert.
Themen wie diese sind Gegenstand einer aktuell laufenden öffentlichen Diskussion rund um den Schwerpunkt „Pimp My Integration“, der von der KünstlerInnen-Initiative daskunst und der Garage X im Auftrag der Stadt Wien durchgeführt wird. Mit dem Betriff „Postmigrantische Positionen“ nimmt die Veranstaltungsreihe, die vom 26. Oktober 2011 noch bis zum 10. Februar läuft, Anleihe aus der angloamerikanischen Literaturwissenschaft, die über die beispielhafte Initiative Ballhaus Naunynstrasse in Berlin von Shermin Langhoff (die ab 2014 zusammen mit Markus Hinterhäuser die Intendanz der Wiener Festwochen antreten wird) mit dieser Initiative ihren Weg auch nach Wien gefunden hat.
Sosehr einzelne Produktionen berühren und begeistern, so zeigt sich in den begleitenden Diskussionen immer wieder ein sehr grundsätzliches Problem, das darin besteht zu klären, wovon eigentlich die Rede ist. Kein Zweifel, es gibt eine Reihe – zum Teil sehr guter – KünstlerInnen mit Zuwanderungshintergrund, die innerhalb des bestehenden Kulturbetriebs benachteiligt werden. Andererseits gibt es auch einige sehr gute KünstlerInnen mit österreichischen Wurzeln, die sich nicht durchzusetzen vermögen. Ja, und es stimmt auch, dass der Anteil der WienerInnen mit Migrationshintergrund mittlerweile rund 40% erreicht hat. Wahr ist aber auch, dass nicht nur unter ihnen der Anteil der regelmäßigen BesucherInnen von Musik-, Oper- oder Theateraufführungen gering ist.
Gibt es so etwas wie eine „postmigrantische Theaterszene“ überhaupt und wenn ja, wer oder was soll das sein?
Was ganz offensichtlich nicht nur mich beschäftigt, ist die Frage, ob es zumindest in nuce so etwas wie eine „postmigrantische Theaterszene“ gibt und wenn ja, mit welchen Formen und Inhalten sie sich hinlänglich vom Rest der Theaterlandschaft unterscheidet. Kulturpolitisch wird eine solche theatrale Innovationsgemeinschaft sogar gefordert, wenn etwa der Kultursprecher der Grünen Klaus Werner-Lobo meint, die ZuwanderInnen hätten viele neue Geschichten in die Stadt gebracht; diese fänden bislang nur sehr unzulänglich ihre Repräsentation auf der Bühne und blieben so außerhalb einer breiteren öffentlichen Wahrnehmung. Ein Umstand, den zumindest er ändern möchte.
Es gibt aber auch die gegenteilige Position, vor allem aus der Sicht von KünstlerInnen, die es zumindest ein Stück weit in den Betrieb hinein geschafft haben. Gerade erst entkommen von diskriminierenden Zuschreibungen wollen sie sich nicht schon wieder auf eine Projektion für eine defizitäre Zuwanderergemeinschaft reduzieren lassen; ihr Wunsch ist es, ganz im Gegenteil, das Ghetto (post)migrantischer Zuschreibungen endlich zu verlassen, um mit ihren ausschließlich künstlerischen Qualitäten ihren jeweiligen ethnischen Hintergrund hinter sich zu lassen.
Ein prononcierter Vertreter dafür ist der Theatermacher Nurkan Erpulat, der in Berlin die umjubelte Theaterproduktion „Verrücktes Blut“ (eine Adaption des französischen Films „La journée de la jupe“ mit Isabella Adjani, die gerade im Rahmen einer Neuinszenierung von Volker Schmidt auch in Wien gezeigt wird. In einem Beitrag im Stadtmagazin Falter mit dem Titel „Integrier mich doch am Arsch!“ meinte er: „Ich glaube allerdings nicht, dass es das Thema „Migration“ gibt. Es gibt nur verschiedene Themen, die damit zu tun haben können; Liebe, Verrat und so weiter“ – also alles Themen, die auch in einem nicht-postmigrantischen Theater von hoher inhaltlicher Relevanz sind.
Postmigrantische Positionen als neue, innovative Theaterpraxen?
Im Ergebnis zeichnen sich offensichtlich zwei, in entgegengesetzte Richtungen drängende, Tendenzen ab, die durchaus unterschiedliche kulturpolitische Konsequenzen haben. Die eine zielt auf so etwas wie eine „eigensinnige“ postmigrantische Haltung, die als eine neue Theaterpraxis den traditionellen Theaterbetrieb hinter sich lassen, um die eigenen Ansprüche am besten zu realisieren. Ihr Ziel ist es, bestehende Diskriminierungen durch Solidarisierung in Stärke zu wenden (- ihre VertreterInnen können sich auf die Erfahrungen derjenigen KünstlerInnen beziehen, die vor 30 Jahren vor den verschlossenen Türen des Kulturbetriebs nicht verzweifeln wollten, sondern statt dessen alternative Realisierungsformen in einer sich sukzessive ausformenden Freien Szene gesucht haben).
Diese Haltung wäre offen auch für alle KünstlerInnen mit nicht-migrantem Hintergrund, die im gegenwärtigen Theatermainstream immer seltener einen Spiegel der gesellschaftlichen Realitäten erkennen. Für sie alle würde sich eine neue Arena eröffnen, in der sie sich zugunsten einer neuen Theaterästhetik engagieren könnten. Für die Kulturpolitik bedeutet dies den Aufbau einer geeigneten Infrastruktur, die es den VertreterInnen dieser neuen Kunstrichtung erlaubt, sich innovative Produktionen nicht nur zu wünschen, sondern diese auch zu realiseren.
Die andere Tendenz setzt auf den „langen Marsch durch die Institutionen“. Ihr geht es zuallererst um die Öffnung des bestehenden Betriebs, um die künstlerischen Qualitäten von ZuwanderInnen ernst zu nehmen und ihnen die Realisierungsbedingungen innerhalb ihrer Strukturen zu erleichtern. Damit zusammenhängende Vorschläge für kulturpolitische Maßnahmen reichen von „migrant mainstreaming“ bis zu „Quotenmodellen“, die – vor allem anhand kulturpolitischer Praktiken in England – die Mitwirkung von (post)migrantischen KünstlerInnen zumindest in öffentlich geförderten Einrichtungen, wenn nötig, zu erzwingen. Aber auch hier stellt sich zumindest indirekt die Frage der Zugehörigkeit, wenn sich eine positive Diskriminierung immer nur auf eine Gruppe beziehen kann, die als solche hinlänglich bezeichnet ist.
Die bisherigen Diskussionen rund um „Pimp My Integration“ geben noch wenig Indizien dafür, um voraussagen zu können, welche der beiden Tendenzen sich (mit welchen Konsequenzen) durchsetzen wird. Vieles deutet darauf hin, dass wir erst am Anfang eines längerfristigen Prozesses sind, dessen Ergebnis wesentlich davon abhängen wird, ob und wie es gelingt, den öffentlichen Diskurs nach dem 10. Februar nicht jäh abbrechen zu lassen.
Das Problem könnte aber auch noch ganz wo anders liegen. Die große öffentliche Aufmerksamkeit rund um „Pimp My Integration“ hat den Wunsch aufkommen lassen, die Veranstaltungsreihe über das offizielle Ende hinaus fortzusetzen, vielleicht sogar zu einer ständigen Einrichtung zu machen. Dabei wurde rasch klar, dass das gar nicht so einfach ist, zumal das Reservoir, aus dem ein weiteres Programm geschöpft werden könnte, sich als durchaus überschaubar erweist. Sie plädieren daher in erster Linie dafür, die Nachwuchsarbeit zu verstärken, eine Art Akademie einzurichten, wo postmigrantische KünstlerInnen (durchaus nicht nur SchauspielerInnen und Regisseure sondern auch Dramaturgen) ihre professionelle Ausbildung erhalten.
Und jetzt noch ein Tipp für alle mit kulturellen Bildungsfragen Befassten: Bitte schauen Sie sich das Stück „Verrücktes Blut“ an. Besser kann man die Widersprüchlichkeit von Lehrersein zwischen den Klischees von realem Jugendverhalten und idealen Bildungsinhalten nicht auf die Spitze treiben. Seither wirbeln die Stereotypien in meinem Kopf wild durcheinander und zwingen mich nachgerade dazu, weiter darüber nachzudenken.
Januar 23, 2012
Die österreichische Medienpolitik der letzten Wochen war geprägt vom Versuch des ORF-Generaldirektors, just am 22. Dezember des Vorjahrs, eine Reihe von wichtigen Positionen zu besetzen. Die Auswahl war ganz offensichtlich mit den politischen Parteien, die Alexander Wrabetz’ zur Wiederwahl verholfen haben, akkordiert. Insbesondere die Bestellung des 25-jährigen Nico Pelinka, der bis dato im Stiftungsrat die SPÖ-Interessen koordiniert hatte, sorgte dafür, dass sich von einem Tag zum anderen eine ganze Nation in einen Club von MedienbetriebsexpertInnen verwandelte, die sich darin überboten, eine drohende parteipolitische Einflussnahme zu verhindern.
Und – siehe da – sie konnten sich durchsetzen. Nico Pelinka hat mittlerweile seine Bewerbung zurückgezogen. So weit ich weiß, gilt das nicht für Nutznießer der anderen parteipolitischen Bestellungen; ihre DrahtzieherInnen sind offenbar klüger vorgegangen und vermochten im Getöse um Nico Pelinka unbemerkt ihre Tücher ins Trockene bringen (auf diesen sitzen sie jetzt und können der Galionsfigur Nico die lange Nase zeigen).
Und so finde ich heute in den Sonntagsblättern den Bericht, 61% der ÖsterreicherInnen seien der Meinung, der ORF werde – nein, nicht von den Parteien in ihrer Gesamtheit, sondern – ausschließlich von der SPÖ „regiert“.
Was wir daraus lernen: Die ÖVP versteht es allemal noch besser, ihre Personalinteressen durchzusetzen, während die SPÖ einmal mehr eindrucksvoll ihr handwerkliches Ungeschick unter Beweis gestellt hat. Ihre StrategInnen (und nur sie) werden künftig – vor allem von einer, weitgehend in konservativen Händen befindlichen Presse – beobachtet werden, wenn sie versuchen, ihre Interessen im ORF durchzusetzen. Und sie muss sich überdies mit dem Image, einer Reihe von ebenso abgehobenen wie ideologiefreien Jungfunktionären die Karriereleiter zu halten, zurande kommen.
Eine besondere Brisanz haben die Auseinandersetzungen um den Postenschacher im ORF durch die Proteste vieler RedakteurInnen erhalten. In ihrem Kampf um den Erhalt ihrer in den letzten Jahren errungenen Unabhängigkeit haben sich die MitarbeiterInnen dieses mittlerweile durchaus „alten“ Mediums vor allem mit Hilfe der „neuen“ Medien reüssiert. Ein Protestvideo auf YouTube erreichte ungeahnte Verbreitung und zwang letzten Endes den desavouierten Generaldirektor zum geordneten Rückzug.
Das Video zeigt die solidarischen RedakteurInnen at its best. Sie fordern in ebenso bestimmten wie einfach gehaltenen Worten nicht mehr und nicht weniger als professionelle Rahmenbedingungen, um ihre Aufgaben frei von äußeren Einflüssen wahrnehmen zu können. Sie machten damit den Anspruch deutlich, dass es noch andere als parteipolitische Interessen gibt und diese nicht nur klammheimlich hinter verschlossenen Türen verhandelt werden müssen. Und sie gaben einen Beleg dafür, dass Demokratie eine sehr lebendige Sache sein kann, deren Entscheidungsverfahren nicht per se tröge, intransparent, mühsam und grauslich sein müssen, sondern auch Energie und Mut geben können.
Der deutsche Politikwissenschafter Herfried Münkler hat 2010 den Band „Mitte und Maß – Der Kampf um die richtige Ordnung“ herausgegeben. Darin weist er auf ein spezifisches Problem hin, wenn Gesellschaften allzu sehr versuchen, sich auf eine gemeinsame Mitte zu beziehen. Nun liegen die Vorteile auf der Hand, wenn eine Gesellschaft nicht allzu sehr in verschiedene gesellschaftlich-ideologische Lager gespalten erscheint (gerade die Entwicklung Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiß davon ein leidvolles Lied zu singen). Wenn aber – nicht nur in Österreich – die verschiedenen politischen Lager drauf und dran sind, zu weitgehend ideologiefreien Volksparteien zu mutieren, die ihren Wählerwillen aus einem vermeintlichen Zentrum ziehen, dann können sich schon unangenehme Nebeneffekte ergeben.
Der eine begründet sich auf der Fehlannahme, die Mitte der Gesellschaft ließe sich anhand spezifischer Wertvorstellungen des bestimmenden Teils der Gesellschaft ein für alle Mal festlegen. Dem ist aber ganz offensichtlich nicht, wenn vieles dafür spricht, dass sich die Mitte in den letzten Jahren nachhaltig verlagert hat und dabei nach rechts gerückt ist. Das zeigt nicht nur der offenbar unaufhaltbare Aufstieg rechtspopulistischer Parteien (die sich durchaus als Parteien des Volkes und damit einer neu verorteten Mitte anbieten) sondern auch im mehrheitlichen Stillschweigen angesichts des aktuellen sozialen Auseinanderdriften, das zu bekämpfen noch vor wenigen Jahren als vorrangiges politisches Ziel angesehen worden wäre (- erinnern wir uns an den berühmten Ausspruch Bruno Kreiskys: „Mir machen ein paar Milliarden Schilling Schulden weniger Kopfzerbrechen als ein paar hundert tausend Arbeitslose“).
Die Mitte und der Kulturpessimismus
Dieser Trend der Mitte, sich nach rechts zu verschieben, hängt auch mit dem Umstand zusammen, dass diejenigen, die nach vielen Aufstiegsmühen in der Mitte angekommen sind, ihre neue Position mit allen Mitteln zu verteidigen trachten. Sie werden alles versuchen, um sicher zu stellen, dass alles so bleibt wie es ist (jedenfalls nicht schlechter wird). Multipliziert wird diese Beharrungstendenz durch den Umstand, dass diese Mitte immer älter wird und somit immer weniger Lust zeigt zu experimentieren und so die gesellschaftliche Dynamik in Gang zu halten.
Kurz gesagt spricht vieles dafür, dass von einer derart verfassten Mitte nur wenig oder gar keine Entwicklungsdynamik ausgeht. Dies umso weniger, als auf diese Mitte immer neue Wellen des Veränderungs- und Entwicklungsanspruchs heranbranden. Ihre VertreterInnen sind vollauf damit beschäftigt, diese niederzuringen, damit alles so bleibt wie es ist. Perpektivische Handlungsoptionen haben da keinen Platz. Ihre ideologischen Grundlagen beschränken sich zunehmend auf kulturpessimistische Worthülsen, die einer defensiven Grundhaltung die Bilder liefert, aus denen sich Zukunftsängste aller Art ergießen.
Und so hören wir Nachrichten nur mehr als die Berichte eines unendlichen Stroms von katastrophalen Ereignissen und Entwicklungen, die – aufmerksam mitgehört – kaum mehr auszuhalten sind (- ich selbst ertappe mich beim Aufdrehen der Nachrichten bei der bangen Frage, ob ich mental hinreichend gerüstet bin, weil diesmal über so etwas wie die ultimative Katastrophe berichtet würde oder wieder nur von mehreren von all den vielen anderen. Die natürliche Konsequenz daraus ist, dass ich immer weniger Nachrichten höre und vor allem junge Menschen – die gerne als apolitisch denunziert werden – immer besser verstehen kann, die gar nicht mehr auf die Idee kommen, eine Beziehung zu dieser Art von veröffentlichten Meinung herzustellen).
Die Frage um diese Form der ebenso beharrenden wie beklemmend niederdrückenden „Mitte“ hat mich beschäftigt, als ich in dem Protestvideo die vielen ORF-RedakteurInnen in einer völlig neuen Rolle und mit einer gänzlich neuen Botschaft gesehen und gehört habe. In ihrem Willen, Widerstand zu leisten gegen diese Form des selbstherrlichen Mitte-Denkens („Mir san mir“) wirkten sie unmittelbar lebendig und motivierend für nächste Schritte zur Überwindung der gegenwärtigen Lähmung.
Daraus ziehe ich zwei Schlüsse: Der eine bezieht sich auf die Vermutung, dass Entwicklung und Innovation etwas mit der Bereitschaft zu tun hat, Widerstand zu leisten. Erst die Bereitschaft über die bestehenden Generalängste hinweg etwas, was als schlecht, überkommen, ungerecht oder auch nur behindernd erkannt worden ist, in Frage zu stellen und zu überwinden, gibt Energie und Kraft, sich nicht mit den Gegebenheiten abzufinden und Neues in die Welt zu setzen.
Und der andere bezieht sich auf das herrschende Selbstverständnis von „Unabhängigkeit“, auf das sich die protestierenden RedakteurInnen bezogen haben. In ihrer Gegenwehr wollten sie sich nicht am parteipolitischen Gängelband eines mit überbordendem Selbstwertgefühl ausgestatteten Karrieristen im Zentrum der ORF-Macht sehen.
Darüber hinaus aber gibt es noch ein anderes, vielleicht sogar weit mächtigeres Gängelband, das nicht aus den Parteizentralen sondern unmittelbar aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Seine Zugkraft bezieht es aus einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, die schlechten Nachrichten eindeutig größere Bedeutung zumisst als guten. Und so haben wir es zur Zeit mit einer Berichterstattung zu tun, die sich darin überschlägt, eine Furchtbarkeit an die andere zu reihen und damit an einem Meinungsklima mitwirkt, das darauf gerichtet ist, die bestehenden Beharrenstendenzen mit der Produktion diffuser Zukunftsangst und Frustration zu verstärken, während alle Versuche, sich dagegen zu verwehren und gesellschaftspolitische Alternativen zu fordern, ins Abseits gedrängt werden.
Das erfreulich nassforsche Auftreten der RedakteurInnen hat gezeigt, dass es auch anders geht. Ihr Engagement macht deutlich, dass Widerstand auch in der Präapokalypse möglich ist und sogar zu konkreten Veränderungen führen kann.
Daraus wächst – zumindest bei mir – die Hoffnung, dass diese Erfahrung eine neue Sensibilität in der Berichterstattung bewirkt, die die RedakteurInnen nicht nur weiterhin unabhängig wird agieren lassen, sondern auch ausgeglichen, vor allem wenn es darum geht, die gegenwärtige Hegemonie kulturpessimistischer Sichtweisen einer immer hilfloser um sich schlagender Mitte ins Verhältnis zu ermutigenden Zukunftsentwürfen zu setzen.
Auch die, die nicht in der Mitte angekommen sind, nie ankommen werden und vielleicht auch gar nicht ankommen wollen, haben ein Recht auf Öffentlichkeit. Und da rede ich nicht (mehr) von Nico Pelinka, der wohl auch ohne ORF seinen Weg ins Innere der Mitte finden wird.
Januar 15, 2012
„Ich möchte nicht mehr gedemütigt werden, wenn ich privat meine Muttersprache verwende, und ich möchte auch mitentscheiden können, ob ich talentiert für meine jetzige Schule bin oder doch eine andere besuchen möchte“, meinte einer der 30 SchülerInnen mit Migrationshintergrund, die in diesen Tagen in der Kooperativen Mittelschule in der Wiener Pazmanitengasse ihre Mehrsprachigkeit unter Beweis stellten. Bereits zum dritten Mal findet der Redewettbewerb „SAG’S MULTI!“ statt und ich bin jedes Mal aufs Neue bewegt von der Fähigkeit, mehr noch vom Mut der jungen Leute, über sich, ihre Lebensumstände und ihre Erwartungen an ein gutes und sinnerfülltes Leben auf so unmittelbare, originelle und eindringliche Art zu sprechen.
Der Wettbewerb steht heuer unter dem Motto: „Lasst uns die Freiheit erobern!“ Dabei treibt die Jugendlichen vor allem der Wunsch an, sich aus den engen, als ungerecht empfundenen, von Erwachsenen erzwungenen Verhältnissen zu befreien und – im wahrsten Sinn des Wortes – ins Freie zu treten.
Naturgemäß widmen sie sich vor allem den persönlichen Beziehungen: Die übrigen Familienmitglieder, FreundInnen oder LehrerInnen spielen eine große Rolle. Aber auch die Lebensumstände ihrer AltersgenossInnen, die zu Kinderarbeit, Kriegführen oder Prostitution verurteilt sind, beschäftigen sie sehr. Da ist eine Generation, in zum Teil sehr schwierigen Verhältnissen, auf der Suche nach sich selbst und die ZuhörerInnen können das, wenn schon nicht hautnah, dann zumindest sprachnah, miterleben. Für mich ist das ein großes Geschenk.
Dass diese Suche auch im Erwachsenenalter nicht aufhört, sondern – durchaus mit Schmerzen – auf immer neue Weise fortgesetzt werden will, macht das jüngste Buch der israelischen Soziologin Eva Illouz mit dem Titel „Warum Liebe weh tut“ deutlich. Eindrucksvoll zeigt sie, dass nicht nur unsere Vorstellungen von Liebe, sondern auch die ganz konkreten Gefühle, die unser Liebesleben bestimmen, wesentlich von den gesellschaftlichen Bedingungen der Zeit geprägt werden. Entgegen aller Psychologisierungsversuche, die die „Schuld“ in erster Linie in den frühkindlichen Erfahrungen der Betroffenen zu finden hoffen, lassen sich die jeweiligen Gemütszustände keineswegs auf rein individuelle Probleme reduzieren, wie eine Fülle von – gut verkaufbaren – Beziehungsratgebern weismachen will.
Illouz unterlegt ihre Überlegungen zu den aktuellen Beziehungsverhältnissen mit dem Thema „Freiheit“ und bettet damit Berichte von jungen Menschen in eine breit angelegte Gesellschaftsanalyse ein, welche zu erklären versucht, warum es uns in den Versuchen des Miteinanders so geht, wie es uns geht.
Nun findet der Redewettbewerb „Lasst und die Freiheit erobern!“ just zu einem Zeitpunkt statt, in dem der politische und ökonomische Anspruch auf „Freiheit“ drauf und dran ist, Ungleichheit (etwa in der Zunahme von mittlerweile unvorstellbaren Einkommensunterschieden) in einem Ausmaß zu schaffen, das bei immer mehr Menschen das Gefühl der Befreiung in existentielle Verunsicherung umkippen lässt.
Freiheit, Wahl und Bindungslosigkeit
Der Motor dafür heißt „Konsumgesellschaft“, der die Epoche asketischer Arbeitsethik abgelöst hat und nunmehr die Menschen mit einer bislang ungekannten Gewalt zwingt, permanent zu wählen, ohne dass sie in der Lage wären, dafür noch die entsprechenden Entscheidungsgrundlagen herzustellen. Freigesetzt erscheint hier in erster Linie ein ebenso umfassendes wie gefühlsgetriebenes Begehren, das möglichst frei flottierend seine Erfüllung in Vergnügen, Wunscherfüllung und Zufriedenheit sucht. Und es geht um viel; immerhin soll damit das wirtschaftliche Geschehen in Gang gehalten werden. Da trifft es sich, dass es zur Produktionsweise dieser „Wunscherfüllungsmaschine“ gehört, dass sich eine Befriedigung immer nur für den Augenblick herstellen lässt, um sogleich von der nächsten Welle eines unerschöpflichen Begehrens abgelöst zu werden.
Illouz beschreibt anschaulich die Auswirkungen, die sich daraus für die erotischen Anziehungskräfte, die Sexualität und damit für das Liebesleben ergeben, für die jegliche Art der Bindung (oder gar der moralischen Verbindlichkeiten) vor allem bei Männern als eine Einschränkung der jeweils eigenen Freiheit erscheint. Das Ergebnis ist eine zunehmend drückende Spannung zwischen Autonomie und Anerkennung, der auf den derart freigesetzten Individuen lastet.
Besonders hängen geblieben bin ich bei der Vermutung, dass bei der Einbeziehung des Liebeslebens in die „große Transformation“ (Carl Polyani), der umfassenden Ökonomisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, der ästhetischen Ausformung jeglicher Verkehrsformen ganz besondere Bedeutung zukommt. Gerade bei jungen Menschen lässt sich der Schönheitsbegriff in besonderer Weise an ihren Vorstellungen der Körperlichkeit festmachen; für sie sind ästhetische Vorlieben und Beziehungswünsche enger miteinander verknüpft, als gemeinhin angenommen.
Aber auch die VertreterInnen kultureller Bildung nutzen gerne das Argument der umfassenden Ästhetisierung aller Lebensbereiche (ohne freilich die Liebensvorstellungen der jungen Menschen anzusprechen, obwohl in dieser Altersgruppe alles darum kreist), um ihrem Fachgebiet mehr Aufmerksamkeit und damit wohl auch mehr Ressourcen zu widmen. Was damit aber – zumindest auch – bewirkt wird, dazu schlägt Illouz eine neue Seite auf.
Zum Wandel des Schönheitsbegriffs
In ihrer Analyse ausgewählter literarischer Zeugnisse des 19. Jahrhunderts wird klar, dass der Schönheitsbegriff bereits damals handlungsleitend für das Beziehungsleben gewesen ist. Und doch stellt Illouz kategoriale Unterschiede fest, die vor allem darin bestehen, dass der Schönheitsbegriff ursprünglich an das spezifische soziale Milieu gebunden war, der damit gleichermaßen Sicherheit und Zwang (dem zu entkommen oft nicht einmal gedacht werden konnte) repräsentierte. „Schönheit“ war damit eine gleichermaßen körperliche und geistige Eigenschaft, damit eine Synthese von wandelbaren, außengesteuerten Qualitäten wie Mode und Kosmetik und zeitlosen bzw. inneren Haltungen und Wertvorstellungen, die jede Entscheidung präformierten und damit das Begehren regulierten.
Das spezifisch Neue am Schönheitsbegriff der Konsumgesellschaft besteht in der weitgehenden Trennung der inneren und äußeren Qualitäten. Auf diese Weise wurde der Schönheitsbegriff scheinbar von seinen ethischen und sozialen Implikationen befreit, was bleibt ist die schiere Oberfläche; ihr Zweck scheint ausschließlich darauf gerichtet, ein befreites Begehren zu stimulieren.
Ihrem Gegenstand entsprechend handelt Illouz diese Entwicklung anhand der Ästhetisierung des Körpers ab. Diese erfolgte nicht zufällig, sondern entsprechend den strategischen Vorgaben der Kosmetik-, Mode- und Filmindustrie, die damit eine wesentliche Funktion in der Realisierung konsumgesellschaftlicher Verhältnisse übernommen hat. Ihre Verfahren der Entkontextualisierung schufen ganz neue Möglichkeiten, den Körper an sich zu propagieren und zu erotisieren. Entstanden ist damit eine unendliche Bilderflut, die in einem Ausmaß Gefühle nicht nur ausdrücken, sondern überhaupt erst auslösen und auf diese Weise beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln, die konkrete Erfahrung und Erwartung auseinanderdriften lässt.
Das betrifft insbesondere das Frauenbild, dessen Ideal einer sexualisierten Schönheit zur Grundlage einer auf permanente Erneuerung gerichteten Begehrensproduktion mutiert ist, deren hauptsächliche Antriebskräfte von Mode, Film, Werbung, Musik und Kosmetik gespeist werden. Bewirkt wurde so ein Wandel von Schönheit zu „Sexyness“, der sich im Wesentlichen auf körperliche, sprachliche und kleidungsbezogene Codes bezieht, die dem Konsumismus eingeschrieben sind (um auf diese Weise die bestehende Geschlechterungleichheit mit ebenso unbewusst wie unmittelbar wirkenden Mitteln fortzuschreiben).
Die Bedeutung ästhetisch geformter Oberflächen als unerschöpfliche Gefühls- und Begehrensproduzenten
Wenn in der laufenden Schulentwicklung „Individualisierung“ ganz groß geschrieben wird, dann bleibt oft unausgesprochen, welch großer Anspruch für die derart Individualisierten damit verbunden ist. Ihnen kommt die Aufgabe zu, ihr Selbst als unstillbare BegehrensträgerInnen immer wieder neu zu erfinden und dabei auch noch die Lust, permanent alles selbst „frei“ entscheiden und auswählen zu können, aufrecht zu erhalten. Dieser Generalanspruch macht nur zu leicht vergessen, dass diese, auf ihre – den traditionellen Bindungskräften entkleidete – Subjektivität zurückgeworfenen Individuen die Angst beschleicht, in dieser Woge der ästhetischen Reizüberflutung den Fuß aus eigener Kraft nicht mehr auf den Boden der Realität zu bekommen.
Verkauft wurde diese Entwicklung freilich als eine umfassende Befreiung, mit einigem Recht, wenn seither im Prinzip alle – über die sozialen, ethnischen, religiösen oder sonstigen Grenzen hinweg – am Markt der schönen Produkte und Dienstleistungen teilnehmen können, vorausgesetzt sie haben die materiellen Mittel dafür. Aber wir haben es nach wie vor mit einem Markt zu tun, auf dem der Austausch von Gütern zwischen Anbietern und Nachfragern verhandelt wird.
Dabei aber kommt der Ästhetisierung noch einmal eine besondere „Funktion“ zu. Immerhin geht zumindest die klassische Wirtschaftstheorie davon aus, dass das Marktverhalten von rationalen Entscheidungen der MarktteilnehmerInnen zur Nutzenmaximierung geprägt sei. Nun waren die Märkte wohl schon immer durch ein gerütteltes Maß an Irrationalität geprägt; das nunmehrige Ausmaß der Ästhetisierung weist aber möglicherweise über diese Art von Fehleranfälligkeit hinaus, weil es die Irrationalität nicht nur in Kauf nimmt, sondern zum vorrangigen Handlungsprinzip – jedenfalls auf der Seite der NachfragerInnen – erklärt.
Und so werden potentiellen KonsumentInnen, mit dem Versprechen mit Hilfe des Kaufs von Waren alle Träume und Phantasien realisieren zu können, um auf diese Weise der ewig bohrenden Frage nach der eigenen Identität näher zu kommen, die Grundlagen rationaler Entscheidungsfindung entzogen. Und in der Tat, vieles spricht dafür, dass von Begehren getriebene Konsumaktivitäten immer weniger von rationalen Überlegungen, sondern von einer imaginären Vergnügungssuche, um nicht zu sagen, von einer zunehmend verzweifelten Zerstreuungs- und Vergnügungssucht angetrieben wird.
Wie überwinden wir das „ästhetische Stadium“?
Mir fällt in diesem Zusammenhang der Versuch des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard ein, die Existenz des Menschen in drei Stadien zu beschreiben. Als ursprünglichste Stufe erscheint ihm das „ästhetische Stadium“. In ihm würde der Mensch ganz in der Unmittelbarkeit sinnlicher Empfindung leben, die ausschließliches Motiv und Ziel seines Handelns sei. Dabei sei er zu einer unreflektierten Existenzform verurteilt, die verhindere, mit sich ins Klare zu kommen. Daher rühre auch die besondere Form der Verzweiflung, in der der Mensch spüre, dass er nicht er selbst, sondern in Äußerlichkeiten gefangen sei. Es bleibe dem Voranschreiten in ein „ethisches Stadium“ vorbehalten, sich vernünftig zu verhalten und dabei Verantwortung für sich selbst und die Welt zu übernehmen.
Die Assoziation liegt nahe, dass die gegenwärtige Phase der Ästhetisierung aller Lebensbereiche auf der Akzeptanz eines massenhaft auftretenden „homo consumens“ (Erich Fromm) beruht, der – mit Hilfe der verlockenden Angebote der Kulturindustrie – gelernt hat, rationale Entscheidungsgrundlagen hinter sich zu lassen und sich stattdessen unter Aufbieten seiner ganzen Unmittelbarkeit im „ästhetischen Stadium“ einzurichten, und dieses, wenn schon nicht als Befreiung, so doch als einzig mögliche Existenzform erkannt hat.
Dieser Prozess wurde und wird noch immer in erster Linie als eine Befreiung erlebt, die darauf gerichtet ist, bisher tragfähige ethisch-moralische Bindungen zu schwächen. Vor dem Diktat dieser Form der marktwirtschaftlichen Befreiung der Gefühle zur Herstellung massenhafter Unmittelbarkeit mit ästhetischen Mitteln bleibt unterbelichtet, dass es sich dabei – zumindest auch – um eine Form der Enteignung sozialer Verbindlichkeiten handelt. Nur mehr den wenigsten ist bewusst, dass in diesem Setting jeder Freiheitsgrad, der gewonnen wird, die Grundlagen zerbrechen lässt, in denen Freiheit gelebt werden kann.
Auch SchülerInnen sind unteilbar – erst das Zusammenwirken von Gefühl und Verstand schafft Befreiung
Im Aushalten dieses fundamentalen Widerspruchs – darauf hat Illouz mich unsanft gestoßen – kommt der ästhetischen Verfasstheit zentrale Bedeutung zu. In Bezug auf die Beschäftigung mit ästhetischen Fragen im schulischen Kontext bedeutet das einmal mehr Abschied zu nehmen von der isolierten, allenfalls kompensatorischen Funktion von Kunst und Kultur im Unterricht. Gerade wenn Schule sich nicht schuldig machen will, an einer weiteren Ausschaltung rationaler Überlegungen mit Hilfe ästhetischer Mittel mitzuwirken, bedarf es neuer Formen der Zusammenschau, die oben skizzierte Zusammenhänge erkenn- und verhandelbar machen. Rationalität und Emotionalität sind untrennbar verbunden, sie bedingen einander, ungeachtet der Beschäftigung mit spezifischen Unterrichtsinhalten, um Lernen zu ermöglichen.
Die Existenz der vermeintlich ausschließlich auf Rationalität fußenden Unterrichtsinhalte (und damit Unterrichtsgegenstände) ist eine Illusion. Und umgekehrt zwingt die ästhetische Überformung uns an das, was ästhetisch der Fall ist, nicht nur mit emotionalen, sondern auch und gerade mit rationalen Mitteln anzunähern.
Kierkegaard weist einen Weg, wenn es darum geht, die ungleichen Gewichtungen von Ästhetik und Ethik wieder besser ins Lot zu bekommen. Es ist das Mittel der Ironie: Indem sich der Mensch zu sich selbst ironisch, also distanziert, verhält, kann er auf neue Weise auf sich und seine Lebensumstände schauen – und beginnen, sich damit zu beschäftigen, sich aus diesen zu befreien.
Die TeilnehmerInnen am diesjährigen „SAG’S MULTI!“-Wettbewerb machen es uns vor. Sie verfügen über eine Menge an Ironie, können über sich (und andere) lachen und weinen. Gerade deswegen sind sie in der Lage, gleichermaßen bewegend und vernünftig über sich und die Welt zu reden, um damit den Anspruch aufrechtzuerhalten, sich von fremd verschuldeten Zwängen zu befreien, ohne auch gleich ihr eigenes Fundament zu zerstören.
Januar 9, 2012
Die Feiertage zwischen Weihnachten und Neujahr: Eine Zeit irgendwie dazwischen. Der Alltag des alten Jahres liegt bereits zurück und der des neuen hat noch nicht begonnen. Eine Chance, zur Ruhe zu kommen und sich neu zu orientieren. Ich hab sie mit Hilfe des Buches „Mainstream“ des französischen Forschers und Journalisten genutzt, der in seiner „enquête sur cette culture qui plaît à tout le monde“ draufkommen wollte, wie die Produktion von Kultur, die die Erwartungen eines globalen Publikums über nationale, ethnische, religiöse und sonstige Grenzen hinweg trifft, funktioniert.
Eine höchst demokratierelevante Frage also, zumal Martel über die Produktion kultureller Güter berichtet, in die die Erwartungen des Publikums einbezogen werden. Im Zentrum stehen die Bedingungen der Filmproduktion in Hollywood. Am Anfang der Entscheidungsfindung, ob ein Filmprojekt das „green light“ erhält, steht immer die Auswahl des potentiellen Publikums entlang der entscheidenden Kriterien „Alter, „Geschlecht“ und „Hautfarbe“. Als Ideal wird die Produktion eines „four-quadrant-films“ angestrebt, der sich gleichermaßen an Männer und Frauen über und unter 25 Jahren richtet. Dazu werden „focus groups“ gebildet, die zusammen mit „test-screenings“ und qualitativen Interviews umfassende Informationen nicht nur für die inhaltliche Ausrichtung sondern auch für die geplante Marketingstrategie erlauben. Sorgfältig ausgewählten Gruppen werden daraufhin erste Trailer gezeigt, um ihre Reaktionen zu beobachten. Darauf hin wird eine Vorkampagne in den Kinos lanciert und in Talkshows, die von, den Studios angeschlossenen Fernsehkanälen ausgestrahlt werden, die mitwirkenden SchauspielerInnen präsentiert.
Daraufhin werden nochmals „focus groups“ eingeladen, die darüber Auskunft geben sollen, was und wie intensiv sich die TeilnehmerInnen die Details der bisherigen Berichterstattung gemerkt haben (In der Marketingsprache heißt das „stickiness“, also ob und wie sehr das bisher Produzierte in den Köpfen „klebt“). Das kann zu weiteren Veränderungen führen, etwa eine Dialogszene durch eine Aktionszene zu ersetzen, um insbesondere den Erwartungen der jungen Männer entgegen zu kommen. In diesem Stadium – so Martel – könne ein erfahrener Marketeer bereits mit einer sehr geringen Fehlerwahrscheinlichkeit das Ausmaß des Erfolgs des Films voraussagen, ohne dass dieser überhaupt in die Kinos gekommen wäre. Immerhin gilt es vorher noch das Erscheinungsdatum zu überlegen, das in verschiedenen Teilen der Welt je nach Feiertagskultur noch einmal Einfluss auf das Publikumsinteresse nehmen kann. Von rund 2 500 Filmprojekten, die dieses – auf dem Verhalten des potentiellen Publikums basierenden – Entscheidungsverfahren durchlaufen, schaffen es rund ein Zehntel in die Kinos.
Nun ist Hollywood eine Industrie und ihr erstes Betriebsmittel ist es, mit seinen Produkten Geld zu machen (von denen das Filmemachen nur eine minoritären Anteil von rund 20% ausmacht, während der weiteren Franchise-Kette, die vom Betrieb von Studio eigenen Fernsehkanälen, Eventparks, Hotellerie und Gastronomie bis zu Kreuzfahrtangeboten reicht, immer mehr an Bedeutung gewinnt).
Europa als Residuum künstlerischer Eigensinnigkeit?
Das ist in Europa (noch) anders, zumal die Tradition eigensinniger Kunstproduktion von den global agierenden Marktkräften zunehmend als ein elitäres Überbleibsel eingeschätzt wird. Daher ist es kein Wunder, wenn der alte Kontinent im Rahmen der Produktion von „kulturellem Mainstream“ längst von Brasilien, Indien oder China überholt worden ist.
Der Grund liegt in einer wesentlich größeren Bedeutung des künstlerischen Eigenwerts kultureller Produktion in Europa, der sich zunehmend als Nachteil im internationalen Wettbewerb erweist. Ursprünglich als Errungenschaft gefeiert, droht der Anspruch künstlerischer Autonomie, der sich nur mühsam vom Geschmack sowohl seiner Auftraggeber als auch des Publikums zu emanzipieren versucht hat, zunehmend ins Abseits zu geraten. Besonders deutlich wird das zur Zeit in weiten Teilen des Kulturbetriebs in den postkommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas, wo sich die Publikumszahlen in den letzten Jahren zum Teil dramatisch verringert haben (Als Beispiel kann dafür der Theaterbetrieb in Bulgarien herhalten, wo sich die jährlichen BesucherInnen-Zahlen zuletzt von rund 10 Mio. auf 3 Mio. reduziert haben).
Nicht ganz so dramatisch erscheint die Situation in den meisten westeuropäischen Ländern wo – im Schlepptau vor allem britischer Initiativen – immer mehr Kultureinrichtungen „audience development“ betreiben, in der Hoffnung, damit neue Publikumsschichten für ihr Programm zu begeistern. Mit einer Vielzahl zusätzlicher Angebote, die von Einführungen, Begegnungen mit KünstlerInnen, Vermittlungsprogrammen, streams von Aufführungen bis hin zu Auftritten in den social media reichen, soll der Kontakt mit den Publika intensiviert und damit das Standing verbessert werden.
Die unmittelbare Mitwirkung des Publikums an der Programmgestaltung – die dem oben angedeuteten Auswahlverfahren in Hollywood auch nur annähernd entsprechen würde – bildet aber bis heute die große Ausnahme. Zu groß ist da bis jetzt der Unbedingheitsanspruch künstlerischer Produktion (in aller Regel ermöglichst durch öffentliche Förderung), die darauf abstellt, die Qualität eher daran zu bemessen, inwieweit es gelingt, den Geschmack des Publikums zu irritieren als ihm zu entsprechen.
Abstimmungen zum künstlerischen Programm per Internet
Es blieb dem renommierten Hamburger Thalia Theater vorbehalten, diese tief sitzende Produktionslastigkeit mit einer Aktion der besonderen Art zu durchbrechen. Mit dem Anspruch, einen Beitrag zur Demokratisierung des Kulturbetriebs leisten zu wollen, lud das Haus eine anonyme Öffentlichkeit ein, den Spielplan mitzubestimmen. Mittels Postkarten und im Netz konnten Stücke nach freier Wahl vorgeschlagen werden. Rund 5500 Personen beteiligten sich an dieser Aktion, die sich – wie der Dramaturg Carl Hegemann meinte – zu keiner repräsentativen Wahl sondern zu einer Reihe von Überraschungen führen sollte.
Neben dem Rock-Musical „Peers Heimkehr“ fanden sich zwei vergessene Dramen aus den Kriegs- und Nachkriegstagen, Friedrich Dürrenmatts „Die Ehe des Herrn Mississippi“ und Thorton Wilders „Wir sind noch einmal davon gekommen“ unter den „Siegerstücken“. Bald schon stellte sich heraus, dass letztere beiden von einem Netzaktivisten mit dem Pseudonym „Friedrich T.Halia Wilder“ offenbar erfolgreich kampagnisiert wurden und zumindest auch Kampnagel, das konkurrierende Theaterunternehmen in der Stadt, hat dieses „basisdemokratische Verfahren“ wesentlich beeinflusst.
Über da Thalia-Theater ergoss sich in der Folge eine Flut an hämischen Kommentaren, die sich über die scheinbare Naivität der Initiatoren ebenso mokierte wie sie über die grundsätzliche Unmöglichkeit räsonierte, kulturelle Aktivitäten „demokratisch“ zu verhandeln. Während der Intendant Joachim Lux und sein Dramaturg Carl Hegemann zurzeit heftig zurückrudern („Die künstlerische Freiheit bleibt unangetastet. Der Publikumsentscheidung kann auch durch fünfminütige Voraufführungen zu anderen Stücken entsprochen werden“) hat diese Provokation es doch geschafft, eine breitere Diskussion zum prekären Verhältnis von „Demokratie“, „Partizipation“ und „Kulturschaffen“ auszulösen.
In diesem Zusammenhang ist eine Reihe von Analysen zum heruntergekommenen Begriffsverständnis von Demokratie erschienen, die weit über den Kulturbetrieb hinausweisen. Till Briegleb etwa von der Süddeutschen Zeitung spricht von einem „Abstimmen für die Graburne“. Die Wahl sei ein exemplarische Beispiel dafür, wie selbstverständlich hohl die Begriffe „Demokratie“ und „Partizipation“ mittlerweile geworden seien: „Dank eines inflationären Abstimmungsverhaltens, das sich in Rankings, Bewertungen, Statistiken, aber vor allem in Umfragen niederschlägt, hat sich das Gefühl einer globalen User-Demokratie selbst dort durchgesetzt, wo man es eigentlich besser wissen sollte: in Medien und Institutionen, die zu Kritik und Selbstkritik verpflichtet sind.“
Was hier auf den Punkt kommt, ist eine Kritik an einer kulturellen Produktionsweise, die sich an den ästhetischen Prädispositionen seines potentiellen Publikums orientiert. Vereinfacht gesagt: Die Kundenerwartungen sollen bestmöglich bedient werden. Das sei im Kapitalismus legitim, aber möglicherweise eine Verkürzung eines Demokratieverständnisses, dem zumindest Briegleb unterstellt, es komme mittlerweile weitgehend ohne Argument und Verantwortung aus: „Unkontrollierte Abstimmungen ohne Konsequenzen für den Wählenden zeugen eben nicht von der Herrschaft des Volkes, sondern von moderner Marktforschung. Like-Buttons, Netzbewertungen und Internetabfrage dienen vor allem der Impulsabfrage, zum Erzeugen von Stimmungsbildern, mit dem Unternehmen ihre Angebote besser justieren können, ohne sich auf irgendeine Mi8tbeswtimmung oder Verbindlichkeit zu verpflichten. Gerade Netz-Voting in seiner wesenhaften Willkür verhält sich zu wesenhafter Demokratie wie Exorzismus zu Biologie“.
Demokratie muss gefordert und kann nicht gewährt werden
Ungewollt verweist diese Analyse nicht nur auf die aktionistische Spielplanwahl des Thalia-Theaters (das dieses Experiment „sicher nicht“ wiederholen möchte) sondern auf die viel weitergehende Mainstream-Produktion“, das nach Martel mittlerweile den handlungsleitenden Maßstab für das globale Kulturschaffen bildet.
Bei Briegleb gibt es einen entscheidenden Satz: „Demokratie muss gefordert, nicht gewährt werden“. Wenn das stimmt, dann hat der europäische ebenso wie der internationale Kulturbetrieb ein sehr grundsätzliches Problem mit der Demokratie. Zu deutlich zeigt sich immer wieder, dass Menschen sehr gut ohne das Angebot des Kulturbetriebs auszukommen bereit sind. Abgesehen von einer kleinen Minderheit erfahren sie für sich keine signifikante Einschränkung ihrer Lebensqualität, wenn sie die bestehenden kulturellen Angebote nicht annehmen. Dementsprechend bescheiden sind diesbezügliche Forderungen breiter Teile der Bevölkerung, im Rahmen seiner demokratischen Mitwirkungsrechte am kulturellen Leben teilzunehmen. Sie reichen in der Regel nicht über die Interessensartikulation der unmittelbar am Betrieb Beteiligten hinaus.
Deren Produktionsbedingungen werden – jedenfalls in Europa – nach wie vor prioritär vom Staat aufrechterhalten. In Ermangelung entsprechender Forderungen beschränkt er sich auf Rezipientenseite weitgehend auf das Gewähren. Mit vielfältigen Maßnahmen soll „Zugang ermöglicht“, „Publikum entwickelt“ und auf diese Weise „Kultur gewährt“ werden. Wie wir alle wissen, halten sich die Erfolge in Grenzen. Und damit auch die Hoffnung, den Begriff der Demokratie mit kulturellem Leben zu erfüllen.
Der Mainstream rückt näher
Also schauen wir zunehmend gebannt in die Vereinigten Staaten, wo man uns vormacht, wie die Einbeziehung des Publikums funktioniert. Auch dort wirt Mitbestimmung nicht gefordert, aber die Produkte werden gekauft. Und so werden zugunsten von „audience development“ in nächster Zeit wohl auch immer mehr europäische Kultureinrichtungen vor Programmentscheidungen „focus groups“ zusammen stellen, „test-screenings“ veranstalten und mit ausgewählten Testpersonen qualitative Interviews zu ihren emotionalen Eindrücken durchführen. Vielleicht können damit die Besucherzahlen noch einmal gesteigert werden.
Einen Beitrag zur kulturellen Demokratisierung stellen sie wohl eher nicht dar; eher schon zur Übernahme des europäischen Sonderfalls in den internationalen Mainstream.
Dezember 19, 2011
In diesen Tagen veröffentlichte das Institut für Jugendkulturforschung seine jüngste Repräsentativ-Umfrage „Jugend und Zeitgeist“. Darin wird den jungen ÖsterreicherInnen ein gerütteltes Maß an pragmatischer Egozentrik zugesprochen. Wie nie zuvor hätten sie Abstand genommen von grundsätzlichen weltanschaulichen Positionen; ihr Bezug auf soziale Fragen beschränke sich mehrheitlich auf das, was sie unmittelbar betrifft. Beeindruckend dabei die zum Teil gravierenden Unterschiede zwischen der männlichen und der weiblichen Jugend, wenn immerhin noch 81% der jungen Frauen in der Absicht, „Geld von den Reichen zu den Armen umzuverteilen“, eine Frage der sozialen Gerechtigkeit erkennen, während dies bei jungen Männern nur mehr zu 48% der Fall ist (Ob das etwas mit der signifikant höheren Affinität der weiblichen Bevölkerung zu Kunst und Kultur zu tun hat, lasse ich hier einmal dahingestellt).
Insgesamt vermitteln die Zahlen eindrucksvoll die nachhaltigen Folgen einer auf den Prinzipien von Individualisierung in der Wettbewerbsgesellschaft basierenden Wertevermittlung. Für mehr als ein Drittel der Befragten gilt der Lebensgrundsatz: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Oder andersrum: „Wer in finanzielle Not gerät, ist selbst schuld.“
Wir können annehmen, dass die hier zusammengeführten Einstellungen einer in eine chaotische Welt hineingestoßenen Jugend die gesamtgesellschaftliche Verfasstheit widerspiegeln. Entsprechend bezeichnen die vorgelegten Zahlen für die Mehrheit jedenfalls der österreichischen Jugendlichen – für die eine sich formierende Occupy-Bewegung noch immer ein Exotikum darstellt – alles andere als eine Aufbruchstimmung. Und also stimmen sie mit dem Trend von erwachsenen Mehrheiten in Richtung „Rette sich, wer kann!“ überein, dessen Konsequenzen als einzig verbleibende Antwort auf eine sich täglich neu zu überbieten trachtende Krisenberichterstattung gesehen wird.
Mit ihren Einstellungen erzählen Jugendliche von heute in ihrer Mehrheit über ihre Versuche, das Leben von heute zu meistern. Mehr noch lassen sie Rückschlüsse auf ein fundamentales Scheitern einer Erwachsenengeneration zu, die sie zu solchen Einstellungen hat kommen lassen. Das zu erfahren ist nicht angenehm. Aber ist es neu?
Friedrich Heer und die Erziehung zum Europäer
Auf der Suche nach Erklärungen zu den gegenwärtigen Entwicklungen in Europa bin ich auf den österreichischen Kulturhistoriker Friedrich Heer gestoßen. Mit der ganzen Widerborstigkeit eines konservativen Querdenkers wetterte er in den 1960er und 1970er Jahre gegen den damals herrschenden Mief im aus Versatzstücken eines altdeutschen Wohnzimmers zusammen gezimmerten Österreich. Dabei kam er – durchaus auf der Grundlage seiner profunden Studien zur Geschichte Österreichs – zum Schluss, dass allein die weitere Europäisierung der Verhältnisse in der Lage sei, die anstehenden Probleme zu lösen.
In seinem Beitrag „Erziehung zum Europäer“ aus dem Jahr 1962 (in: Heer, Friedrich (2003); Europa: Rebellen, Häretiker und Revolutionäre, Böhlau) finden sich in fast prophetischer Weise heute mehr denn je gültige Erklärungen zu den jüngsten Befunden zum jugendlichen Zeitgeist. Zu Beginn zitiert er ausgerechnet die spätere Königin der Niederlande Beatrix: „Ich glaube sagen zu können, dass es in Europa, besonders unter der Jugend, eine Leere, ein Vakuum gibt: uns fehlt ein gemeinsames Ideal. Wir haben nicht das Gefühl, einer klar umrissenen Zukunft entgegen zugehen; unser Leben hat keine realen Pläne, keine Ziele, die wir gemeinsam verfolgen.“ Als gravierende Folgen wären „Interesselosigkeit und Passivität“, „Gleichgültigkeit“, ja „Abseitsstehen und Resignation“ vieler junger Menschen zu beklagen.
Und Friedrich Heer fragt: „Kann die ältere Generation uns dabei helfen, und wenn ja, in welcher Weise? Die Älteren können unsere Lehre und Leiter sein, sofern sie nur begreifen, dass sich die heutige Jugend nicht mehr mit schönen Redensarten einschläfern lässt… Schöne Worte haben wir genug gehört. Wir wollen aufgerüttelt werden.“
Noch einmal. Dieses Zitat stammt aus 1962 und könnte doch das Elend zwischen den Generationen 50 Jahre später wenige Tage vor dem Jahreswechsel 2011/2012 nicht besser beschreiben. In seinen weiteren Überlegungen macht er auf einen fundamentalen Widerspruch aufmerksam, der möglicherweise heute die erste Ursache für ein mögliches Scheitern des europäischen Projekt beschreibt. Es ist dies der Unterschied zwischen „oben“ und „unten“, zwischen Gewinnern und Verlierern, aber auch zwischen Herz und Verstand.
Es sind nicht die Märkte, sondern die sozialen Barrieren, die das Fortschreiten Europas verhindern
Für Heer war klar, dass „es leicht ist, Europäer „oben“ zu sein und sehr schwer Europäer „unten“ zu sein”: Damit meinte er, dass es für wohlerzogene, höfliche und gesittete Menschen aus der – damals so apostrophierten – „guten Gesellschaft“ ein Leichtes sei, sich zu europäischen Werten zu bekennen. Für die Massen der Menschen hingegen, die in Europa um ihr tägliches Brot kämpfen müssen, schaue die Welt ganz anders aus: Unten, in den Massen einheimischer Arbeiter, die in jedem ausländischen Arbeiter den Feind, zumindest den möglichen Feind wittern, ließen sich die dominanten Einstellungen einer in tausend Jahren konflikthafter Geschichte hochgestaute „communauté dans la haine“ (Hassgemeinschaft) nicht von einem Tag auf den anderen überwinden: „Da unten, wo uralter Volkshass, Volksangst, schwelt. Leidenschaftlicher Selbstbehauptungswille von Männern und Frauen, die Angst haben, ihre Sprache, ihre patrie, ihre Seele zu verlieren… Es ist schwer, Europäer im Herzen zu sein; Herz als die Existenzmitte des Menschen, als das dynamische Zentrum, wo Wille und Leidenschaft, wo die stärksten und furchtbarsten Triebe hausen.“
Der Befund, dass die Aufrechterhaltung sozialer Barrieren die wesentlichen Barrieren für das europäische Projekt darstellen, bringt Heer dazu, einen Erziehungsbegriff zu propagieren, der in der Lage wäre, „in den Tiefenschichten“ der Lernenden anzusetzen. Diese seien weithin noch besetzt mit sehr alten Ängsten und Hasskomplexen, die sich in ebenso vielfältigen wie diffusen Ressentiments, Abneigungen und Abwehrreaktionen äußern würden und die nur sehr langsam zu einem aufgeklärten, gereiften europäischen Patriotismus weiterentwickelt werden könnten.
Erstaunlich, dass ausgerechtet der konservative Kulturhistoriker Heer weniger auf Kultur als auf Wirtschaft setzt, wenn es darum geht, die Beschäftigten „zu EuropäerInnen zu erziehen“. Er kommt dabei zu recht unkonventionellen Vorstellungen, etwa wenn er vorschlägt, den jeweiligen Belegschaften unmittelbar zu verdeutlichen, wie weit fortgeschritten der Europäisierungsgrad des Unternehmens sei und wie unabdingbar für den Fortbestand prosperierender Beschäftigungsverhältnisse. Und doch widerspricht er vehement den aktuellen Meinungsführern in Sachen europäische Krise: „Europa ist kein Museum. Und Europa ist kein Aktienpaket, das etwa durch neue Dividendenausschüttungen, durch Vermehrung von Anteilscheinen so breit aufzuwerten wäre, dass es den „gemeinen Mann“ bewegen würde, größte Einsätze – des ganzen Lebens – froh zu wagen.“
Europa braucht Phantasie, Einbildungskraft und die Erweckung der künstlerischen und schöpferischen Potenzen in jedem Einzelnen von uns
Gerade in dem Punkt bleibt er unverbesserlicher Idealist, wenn er sich für eine nicht auf die engen Grenzen der Ausbildung reduzierten Bildung ausspricht: „Auf die Formung der Kräfte in diesem Innenraum des Menschen kommt es ebenso sehr an wie auf die Erziehung der intellektuellen Kräfte.“ Und er erzählt – jedenfalls den VertreterInnen kultureller Bildung – nichts Neues, wenn er der Erziehung zur Phantasie, der Einbildungskraft und der Erweckung der künstlerischen und schöpferischen Potenzen im Einzelnen ganz besondere Bedeutung zumisst: „Menschen werden erst ganz Ja zu Europa sagen, das sie selbst mitschaffen können: nach Innen, in einem sich weitenden und vertiefenden Innenraum, und nach Außen.“
Von vielen KommentatorInnen wird Europa heute abgeschrieben. Allerorten tönt es defaitistisch: „Europa ist tot!“ Das Ausscheren Großbritanniens aus den Entscheidungen des jüngsten EU-Gipfels ist ihnen der vorerst letzte Beleg für das Brüchigwerden des stockenden Integrationsprozesses angesichts der unabsehbaren wirtschaftlichen Turbulenzen. Was sie nicht sagen, ist, dass Großbritannien immer wieder auf eine gewisse Sonderrolle gepocht hat. Peter Preston hat dazu bereits 1998 einen satirischen Roman „The 51st State“ verfasst, in dem er die Ambivalenz Großbritanniens gegenüber dem Rest Europas anhand seiner Umwandlung von einem EU-Mitglied zum 51sten Bundesstaat der Vereinigen Staaten imaginiert. Und auch der ungebrochene Wunsch von zumindest sechs europäischen Ländern, auch noch jetzt oder gerade jetzt, der Europäischen Union anzugehören, bleibt da schon einmal unerwähnt.
Die Rückmeldungen der jungen Menschen zu ihren momentanen Befindlichkeiten gibt den Euroskeptikern, die es immer schon besser gewusst haben, vorerst Recht. Der unaufhaltsame Sog in eine sinnstiftende gemeinsame Zukunft scheint – jedenfalls fürs Erste – gebrochen. Und doch: Vielleicht bedarf es des Blickes eines Historikers wie Friedrich Heer, der uns deutlich macht, dass erstens früher nicht alles besser war, und zweitens, dass alle Versuche, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, immer noch in die Irre geführt haben.
Europa als ein historisch einmaliges politisches Experiment
Wenn wir stattdessen die Bildung unserer Vorstellungskraft strapazieren, dann könnte vor uns nochmals das Bild eines historisch einmaligen politischen Experiments entstehen, dessen Zeitzeugen zu sein wir das einmalige Privileg haben. „Es war eine Operation am offenen Herzen“, meinte ein Berichterstatter nach der letzten langen Nacht in Brüssel, in der sich immerhin die Regierungschefs von 26 Ländern zu einer gemeinsamen Vorgangsweise verpflichtet haben.
Und in der Tat: Das, was da passiert, ist ein ungeheurer, bislang nicht gekannter Vorgang, bei dem sich – zugegeben unter beträchtlichem wirtschaftlichen Druck – die RepräsentantInnen rund einer halben Milliarde Menschen „mit all ihren verschiedenen unbewältigten Vergangenheiten in einer unbewältigten Gegenwart in eine undurchsichtige Zukunft“ (Heer) über ein gemeinsames politisches Konzept verständigen. Sie vertrauen im Letzten darauf, in Konflikten leben zu können und doch zu gemeinsamen Lösungen zu gelangen. Und das ist wohl die eigentliche historische Tragweite, die wir als von den Tagesaktualitäten der Medien getriebene Zeitzeugen nicht aus den Augen verlieren sollten.
Denn im Vergleich zu den Einschätzungen von Friedrich Heer aus 1962 bedeutet das schiere Fortschreiten des europäischen Integrationsprozesses – über die fundamentalen Wechsel der politischen Systeme in vielen Ländern Europas hinweg – eine ungeheure Leistung. Zu rasch neigen wir dazu zu vergessen, dass 1962 das heute gerne als Krisenverursacher apostrophierte Griechenland noch von einer Militärjunta, Spanien und Portugal faschistisch regiert wurden und sich niemand vorstellen konnte, dass die Länder des Ostblocks einmal Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft werden könnten.
Und doch macht der Bezug zur Befragung der jungen Menschen in Österreich deutlich, was alles noch zu leisten ist. Bernd Ulrich lässt in seinem Beitrag „Stärker, besser, mehr“ in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitschrift Die Zeit über das Ausmaß der aktuellen Schwierigkeiten im Zweifel; „Man sieht schon, die Politiker werden noch viele Gipfel brauchen, bis wieder ein wenig Ruhe und Solidität in die Sache kommt. Die Geduld der Bürger wird dabei enorm strapaziert – und ihr Gerechtigkeitssinn.“
Und doch schließt er mit einem positiven Resümee: „2011 war ein gutes Jahr für Europa. Allerdings: 2012 muss noch besser werden… Die Lösungen werden nicht perfekt, sie werden europäisch sein.“
In diesem Sinn darf ich mich an dieser Stelle für Ihre Lesetreue in diesem Jahr ganz herzlich bedanken und uns allen wünschen, dass sowohl Friedrich Heer als auch Bernd Ulrich Recht behalten und dass sich das, was das europäische Projekt mit all seinen Rückschlägen auf immer neue Weise auszeichnet, irgendwann auch in den Befragungen zum Wertewandel der jungen Menschen niederschlägt.
Dezember 10, 2011
Es geschah jüngst bei einer Diskussion zur Bedeutung kultureller Bildung in Essen: Die Runde kam bald auf die Wirkung kultureller Bildungsmaßnahmen zu sprechen. Die Rede war davon, dass die Wissenschaft längst nachgewiesen hätte, welch vielfältig positiven Effekte für junge Menschen damit ermöglicht würden: Sie reichten von der Förderung der umfassenden Persönlichkeitsentwicklung und der Lernmotivation über die Verbesserung des Lernklimas und des sozialen Zusammenhalts, der Dynamisierung von Schulentwicklung und der Neupositionierung kultureller Einrichtungen in der Gesellschaft bis zur Realisierung neuer Chancen am Arbeitsmarkt. Ein vertieftes Verständnis dessen, was als Kunst verhandelt wird, ist sei im Vergleich dazu nur mehr ein nettes Zubrot.
Auf der Grundlage einer solch breiten Palette ebenso wissenschaftlich bestätigter wie erfreulicher Wirkungsaussichten bleibt freilich das Problem, dass diese Erkenntnisse außerhalb des engen Zirkels der Verfechter von kultureller Bildung ganz offensichtlich nicht hinreichend zur Kenntnis genommen werden. Ansonsten ist es nur schwer verständlich, warum kulturelle Bildung nicht schon längst ins Zentrum jeglicher Bildungsmaßnahmen gerückt ist, um so den SchülerInnen bestmögliche Lernvoraussetzung zu verschaffen.
Da nicht von vornherein anzunehmen ist, dass es sich bei allen, nicht unmittelbar mit kultureller Bildung Befassten um fundamentalistische Verweigerer oder zumindest verständnislose Idioten handelt, müssen die Gründe für diese Nichtberücksichtigung tiefer liegen. Als einen davon machte die Runde die umfassende Nutzenorientierung der aktuellen gesellschaftlichen Verfasstheit aus, die allem, was mit Kunst und Kultur assoziiert würde, von Haus aus schlechtere Karten zuweisen würde.
Und so wurden wir darauf verwiesen, dass es in den deutschsprachigen Ländern eine lange Tradition gibt, die auf immer wieder neue Weise versucht, „KunstundKultur“ den herrschenden Verwertungslogiken zu entziehen. Ihr besondere Qualität bestünde ja gerade darin, sich nicht beliebig verwerten zu lassen; statt dessen gälte es, auf ihrem Alleinstellungsmerkmal zu beharren, um sich so gegenüber allen anderen Bereichen hinlänglich abzugrenzen (entsprechend könnten ihr auch keine eindeutig nachvollziehbaren Wirkungen zugeordnet werden).
Englische BetreiberInnen kultureller Bildungsaktivitäten haben da ganz offensichtlich viel weniger Berührungsängste. Das wurde an der Ausrichtung von Programmen wie Creative Partnerships deutlich, mit denen die angewählte Labour-Regierung die Hoffnung verbunden hat, eine neue Generation von Fachkräften für den boomenden Sektor der Creative Industries zu rekrutieren.
Unsere Diskussion wurde dort besonders ergiebig, als eine Kollegin auf den anhaltenden Klassencharakter der britischen Gesellschaft hinwies. Immerhin verweise der Anspruch der prinzipiellen Nutzlosigkeit von „KunstundKultur“ auf eine mittelständische Attitüde, die sich eine solche auch leisten kann, während dessen für diejenigen, die jeden Tag aufs Neue ums Überleben kämpfen müssen, die Nutzenerwartung auf viel dringlichere Weise auf ihr Recht pocht.
Der Blick in die Geschichte macht sicher, wenn es einem Bürgertum erst vor gar nicht so langer Zeit gelang, den universellen Nutzenanspruch ihrer Lebensäußerungen zu zivilisieren. Auf der Basis sollte ein bis heute gehegt Reservat errichtet werden, in dem sie sich den Luxus leisten durften, die Verwertungslogik zumindest temporär außer Kraft zu setzen.
Die Grundlage dafür schuf ihnen ein (heute in der Regel staatlich getragener) Kulturbetrieb, mit dem sie die durchaus politisch gemeinte Überzeugung verbanden, dass es – nach Verrichtung der täglichen Geschäfte – etwas gab, dessen Zweck sie – und sei es nur für einen Augenblick – dem Nutzenargument entheben könnte. Dieser Glaube – dann was anderes als eine Form säkularisierter Religionsausübung ist die Teilnahme am bürgerlichen Kulturbetrieb – setzt in der Regel eine privilegierte gesellschaftliche Stellung voraus. Das aber bedeutet: Man muss sich „KunstundKultur“ und die an sie gebundene Ideologie seiner „Nutzlosigkeit“ leisten können. Und wenn man das kann, vermag man als Surplus daraus auch noch soziale Distinktionsgewinne zu ziehen.
Ganz anders bei all denjenigen, für die sich „KunstundKultur“ in diesem umfassenden Sinn nicht amortisiert bzw. die nicht gelernt haben, die damit verbundenen Wertvorstellungen mitzutragen. All diejenigen, in die sich die Frage „Was bringt mir das?“ als allgegenwärtiger Maßstab in all ihre Lebensäußerungen eingefressen hat, werden in der Ausklammerung eines Nutzenanspruches fürs Erste keinen spezifischen Wert erkennen. Ganz im Gegenteil: Ihnen muss die Verweigerung eines hinlänglichen, tunlichst sofort erfahrbaren Nutzens weniger als eine Bereicherung ihres Lebens als vielmehr eine weitere Bestätigung ihrer gesellschaftlichen Zurückweisung erscheinen.
Es war wahrscheinlich ein kluger Schachzug der Labour-Regierung, mit der Implementierung ihrer kulturellen Bildungsprogramme eine klar nachvollziehbare (und darüber hinaus sehr erstrebenswerten) Nutzenerwartung zu verbinden: Den TeilnehmerInnen wurde nicht mehr und nicht weniger versprochen als ihre Chancen am Arbeitsmarkt nachhaltig verbessern zu wollen (begleitend dazu wurden eine Reihe von Studien angefertigt, die das Versprechen auf Verbesserung der individuellen Lebensaussichtung zu untermauern trachteten). Durchaus in Kauf genommen wurde, dass die Mittelschichten als TrägerInnen des Kulturbetriebs seine zunehmende „Vernutzung“ beklagten, die die von ihnen verteidigte Verortung von „KunstundKultur“ im vermeintlich nutzenfreien „Reich der Freiheit“ untergraben würde.
Ganz offensichtlich wusste die konservativ-liberale Nachfolgeregierung um den ideologischen Gehalt dieser beeindruckenden Palette kultureller Bildungsprogramme, die da die letzten zehn Jahre von Großbritannien aus über ganz Europa ausgestrahlt hat.
Und so beendeten die neuen Machtträger – im Übrigen allesamt Mitglieder der britischen Oberschicht und damit kulturell höchst gebildet – diese Nutzen basierten Programme von einem Tag auf den anderen. Ihre Entscheidungen waren wohl weniger vom Zwang zu unabdingbaren Einsparungen geprägt (im Vergleich zu anderen Budgetpositionen allemal Peanuts) als von ihren Vorstellungen eines „kulturellen Normalbetriebs“, der von der gesellschaftlichen Klasse getragen wird, die diese Wertschätzung auf Grund ihrer sozialen Stellung bereits mit der Muttermilch eingeflößt bekommen hat. Der große Rest wurde zur unmittelbaren kulturellen Bedürfnisbefriedigung wieder auf den Nutzwert marktkonformer Kulturgüter verwiesen.
Jetzt werden sie sagen, dass sich der nach wie vor offensichtliche Klassencharakter der englischen Gesellschaft nicht eins zu eins auf Mitteleuropa übertragen ließe. Zu sehr hätten sich hierorts die gesellschaftlichen Schranken verflüssigt und so zu einem pluralistischen, allen gleichermaßen zur Verfügung stehenden Kunst- und Kulturangebot geführt.
Mag sein: Und doch haben wir in der Runde zu zweifeln begonnen, ob es – auch auf Grund der sich immer weiter verschärfenden sozialen Gegensätze und Spannungen in Deutschland und Österreich – so einfach möglich ist, sich seine soziale Naivität zu bewahren, wenn es um Art, Umfang, Reichweite und Begründung kultureller Bildungsprogramme geht. Aus institutioneller Sicht mag es genügen, die jeweiligen Marketingmaßnahmen weiter zu verfeinern, um möglichst punktgenau die umworbene Zielgruppe für sein Angebot zu gewinnen. Aus bildungs- und kulturpolitischer Sicht hingegen macht der Fall England klar, das kulturelle Bildungsmaßnahmen mehr als bisher das jeweilige soziale Umfeld seiner potentiellen AdressatInnen in den Blick nehmen wird müssen, um auf Grundlage darauf basierender Einschätzungen die Wirkungsabsichten klar zu benennen.
Kulturelle Bildung ist ein riesiges Feld mit einer unüberblickbaren Vielzahl unterschiedlicher Akteure, Maßnahmen und Ziele. Sie alle auf einen Nenner zu bringen, erscheint heute weniger denn je möglich. Der bis dato dominierende Ausweg lag darin, all ihren Formen per se positive Wirkungen zuzuschreiben. Und schon sind wir bei obigem Katalog, dessen Schwäche darin liegt, dass ihn außerhalb des unmittelbaren Fachbereichs ganz offensichtlich niemand ernst nimmt.
Der andere Ausweg hat damit zu tun, in der Rede klarer, spezifischer (und da und dort wohl auch bescheidener) zu werden, um Wirkungsabsichten und damit verbunden Nutzenerwartungen möglichst nachvollziehbar (und damit auch überprüfbar) zu benennen und in der Folge auch zielgerichtet umzusetzen. Spätestens dann wird sich rasch zeigen, dass die englischen Verhältnisse auch in Mitteleuropa nicht völlig überwunden sind, dass es auch hier, durchaus konfligierende Interessen gibt, die es als politischer Kontext mitzuberücksichtigen gilt, wenn Maßnahmen kultureller Bildung ihre Ziele nicht von vorne herein verfehlen sollen.
Weite Teile der kulturellen Bildung haben lange Zeit gemeint, sich in naiver Weise über die spezifischen politischen Rahmenbedingungen hinwegsetzen zu können, in denen sie ihre Tätigkeiten entfalten. Mehr oder weniger bewusst haben sie damit einen sehr traditionellen Kulturbegriff bedient, der vermeint hat, sich jenseits spezifischer Interessen verorten zu können (um auf dem Hochsitz der Kultur die anderen gesellschaftlichen Bereiche wie Politik oder Wirtschaft pauschal als ignorant denunzieren zu können). Dass eine solche Überhöhung der Kultur nur denen nutzt, die es sich immer schon leisten konnten, ihre Nutzlosigkeit zu propagieren, zeigt ein kurzer Blick in die kulturpolitische Vergangenheit.
Ein immer größerer Anteil der Bevölkerung hingegen, der sich täglich neu als nutzlos erfährt, wird wissen wollen, welchen konkreten Nutzen er von künftigen Maßnahmen kultureller Bildung erwarten darf. Wenn wir darauf keine guten Antworten haben, sollten wir es lassen und den Erkenntnisgewinn darauf beschränken, uns als mittelschichtige Kulturobsessive (die wollen, dass möglichst alle so werden wie sie, im Wissen, dass dieser Wunsch ohnehin nie in Erfüllung gehen kann) in unserer eigenen Nutzlosigkeit zu erkennen geben.
Dezember 5, 2011
„Jede demokratisch verfasste Bevölkerung hat die Regierung, die sie verdient.“ Wenn es nach diesem, zugegeben einigermaßen strapazierten alten Spruch geht, dann ist der Kleinstaat Österreich in den Realitäten der europäischen Kräfteverhältnisse angekommen. Während in Europa die Wellen der Interessenskonflikte hochgehen, pflegt das politische Personal hierorts seinen Nimbus der Bedeutungslosigkeit. Auf der Grundlage kann der amtierende Bundeskanzler Faymann einerseits den europafeindlichen Boulevard bedienen und sich andererseits – wie jüngst in der Tageszeitung „Kurier“ als „glühender Europäer“ – outen. Es hat im Grund nichts zu bedeuten. Genau so wenig, wie die stereotype Wiederholung des Stehsatzes „Das ist mir ganz besonders wichtig“ anderer Regierungsmitglieder. Das „Was“ ist dabei weitgehend belanglos, wenn es nur zumindest für den Augenblick gelingt zu verbergen, dass der/die SprecherIn im Grunde nichts zu sagen hat, was über die rhetorische Armut vorgestanzter Marketingfloskeln hinausweisen würde. „Politik der Unwahrheit“ hat das jüngst eine slowenische Kollegin genannt, weniger, um damit die Behauptung aufzustellen, die PolitikerInnen würden die Unwahrheit sagen, als vielmehr, sie hätten überhaupt keine handlungsleitenden Überzeugungen mehr anzubieten, die sich nicht schon morgen in ihr Gegenteil verwandeln könnten.
Die Regierung als Repräsentationsform eines kollektiven „Schlaucherltums“, das weiß, dass es nichts zu sagen hat, dabei aber möglichst überzeugend auftreten möchte. Und schon sind wir bei den mittlerweile unüberschaubaren Malversationen einer schwarz-blau-orangen Abzockerriege, deren Praktiken sich mangels öffentlicher Gegenrede so sehr in den österreichischen Wertehaushalt eingefressen haben, dass sie mehr über die spezifischen Interpretationsformen österreichischer Normalität erzählen als von ihren Ausnahmen. Vor allem den volksnahen Medien dienen sie als unerschöpfliches Futter, das nach allen Richtungen hin ausgewalzt werden will.
Da kann der Satz „Es gilt die Unschuldsvermutung“ zur häufigst verwendeten Phrase der Berichterstattung werden, etwa wenn es darum geht, dem vormaligen Finanzminister mit besonderem Hang zu seinen „Freunderln“ in epischer Breite (wie zuletzt in der Zeitung „Österreich“) Gelegenheit zu geben, sich nochmals zur Identifikationsfigur einer ganzen Bevölkerung hochzustilisieren, der (aus Brüssel, von der Justiz, von Neidern, von den Ausländern…) jedes nur erdenkliche Unrecht erfährt. Die Regierenden schweigen. Nur nicht anstreifen, scheint die Devise, freilich um den Preis, damit die Entwertung des Politischen weiter voranzutreiben.
Es ist nicht verwunderlich, dass dieser Trend, es sich in diesem politischen Vakuum irgendwie zu richten, nicht vor den Toren von Kultureinrichtungen Halt macht. Als wahrscheinlich letzter gesellschaftlicher Bereich, in dem mit Intransparenz gepaarte Grandiosität zum Strukturmerkmal gehört, ist die Gefahr naturgemäß besonders groß, sich über rechtsstaatlich verfassten Verkehrsformen zu erheben. Peter Noever und Gerald Matt kommt die zweifelhafte Ehre zu, als diesbezügliche Repräsenationsfiguren herhalten zu müssen.
A propos Kultur und Grandiosität: Wenn die Irrelevanz der Politik zu einem Charakteristikum der österreichischen Kleinstaatlichkeit geworden ist, so heißt das noch lange nicht, dass das Land nicht anderweitig punkten könnte. Immerhin ist das touristische Branding mehr denn je darauf gerichtet, Österreich als eine Kulturgroßmacht zu hypen. Das betrifft – wie wir in diesen Tagen nur zu hautnah erfahren dürfen – nicht nur die großen Kultureinrichtungen, die wesentlich zur Attrahierung eines internationalen Publikums beitragen. Es betrifft auch ausgewählte Formen der populärer kultureller Ausdrucksformen, die zumindest quantitativ mit noch vor wenigen Jahren unvorstellbaren Ausmaßen an Grandiosität zu punkten verstehen.
Als ob es darum ginge, die grassierende politische Verschlampung auf dem Boden der Realitäten in das milde Licht einer höheren Kraft von oben zu tauchen, ist es gelungen, die Umwandlung weiter Teile Wiens in einen einzigen Christkindlmarkt erfolgreich abzuschließen. Kein öffentlicher Platz, der nicht zumöbliert mit Standln aller Art die Menschen dazu einladen würde, ihre Freizeit mit Durch-die-Massen-Quälen, Waren-Aller-Art-Kauf und Punschtrinken zu verbringen. Und sie kommen in Massen, in ganzen Busladungen aus dem Umland und auch aus den Nachbarländern, um als träge Gruppen den öffentlichen Verkehr zum Erliegen zu bringen. Wehe denen, die in diesen Tagen nicht die Leidenschaft zu dieser Form der vorweihnachtlichen Eventkultur teilen. Sie bleiben im wahrsten Sinne stecken.
Wenn die Kulturtheorie darauf abzielt, dass in demokratisch verfassten Gesellschaften die kategoriale Differenz zwischen „Hochkultur“ und „Massenkultur“ zugunsten einer Vielfalt unterschiedlicher, nebeneinander her laufender kultureller Ausdrucksformen gefallen ist, dann macht ein Lokalaugenschein am Rathausplatz sicher, wohin die Reise geht: Eher nicht vom dortigen Christkindlmarkt ins gegenüberliegende Burgtheater sondern schnurstracks in die andere Richtung.
Was das konkret bedeutet, davon konnte ich mich beim jüngsten Workshop, den EDUCULT mit KulturpolitikforscherInnen aus Osteuropa und der Türkei veranstaltet hat, überzeugen. Allen Berichten war gemeinsam, dass sich die nationalen Kulturbetriebe bis dato nicht von ihrem Bedeutungsverlust, der mit dem Ende der kommunistischen Regime eingesetzt hat, erholt haben. Zu offensichtlich sind bis heute die Schwierigkeiten für den Kulturbetrieb, sich im Rahmen der jeweiligen demokratisch/kapitalistischen Entwicklungen zu behaupten und in deren Rahmen ähnlich privilegierte Stellungen zu erobern. Zahlen gefällig: Kollegin Dessy Gavrilowa aus Bulgarien berichtete, dass sich die Anzahl der TheaterbesucherInnen in ihrem Land in den letzten 15 Jahren von 5 Millionen auf eine Million reduziert haben (ob die Differenz der vier Millionen jetzt anderen kulturellen Ausdrucksformen nachgeht bzw. ob wir sie alle an einem der Christkindlmärkte finden, hat sie nicht gesagt).
Ähnliches wussten die KollegInnen aus Slowenien Vesna Copic und aus der Slowakei Zora Jaurova zu berichten. Die dortigen Kultureinrichtungen würden als weitgehend veränderungsresistent erweisen, um in der Überzeugung eines vermeintlich angestammten Existenzrechtes bislang alle Vorgaben staatlicher Kulturpolitik, den geänderten kulturellen Erwartungen ihrer Publika zu entsprechen, zurückzuweisen. Das aber würde bedeuten, dass diese Einrichtungen immer mehr „am Markt vorbei“ produzierten. Als Ergebnis würde Ihnen in weiten Teilen der Bevölkerung als altmodische, schwerfällige, aus einer früheren Epoche stammende die Legitimation öffentlicher Förderung aberkannt. Dies führe insgesamt zu einer Schwächung staatlicher Kulturpolitik, deren VertreterInnen es immer schwerer falle, sich gegenüber anderen Interessen durchzusetzen.
Exemplarisch hat dazu Asu Aksoy aus Istanbul berichtet, dass es dort in erster Linie private Akteure seien, die den Kulturbetrieb aufrechterhalten und damit den Staat in Zugzwang brächten. Entgegen vieler Stereotype, die insbesondere den islamistischen (weil potentielle fundamentalistischen) Kräften klare kulturelle Werthaltungen verteidigende Positionen zusprechen würden, erweise sich die türkische Kulturpolitik nach Aksoy (noch) als weitgehend inhaltleer und bislang nur wenig gerichtet (auch wenn es darum geht, das ottomanische Erbe zu integrieren).
Insgesamt wurde für mich aus diesen Berichten hautnah erlebbar, wie sehr sich die Bedingungen für den Kulturbetrieb in den postkommunistischen Ländern geändert haben und welche neuen Konstellationen sich in aufstrebenden Ländern wie der Türkei (als einer anderen imperialen Macht mit einem reichen kulturellen Erbe) sich kulturpolitisch auftun.
Ohne allzu vordergründige Analogieschlüsse ziehen zu wollen, machen die Berichte aus den Nachbarländern überdeutlich, dass da einiges an Veränderungsdruck auf Österreich und seiner schizophrenen Positionierung zwischen politischer Inferiorität und kultureller Suprematie zukommen könnte.
Einiger Grund also, dazu eine breite öffentliche Diskussion zu Fragen der Kulturpolitik zu eröffnen. Aber nichts da: Wie in anderen Politikfeldern hat Österreich zur Zeit kulturpolitisch nichts zu melden. Außer, wie schon gesagt; „Das ist mir ganz besonders wichtig!“.
Österreich hat ja ohnehin die großen, mit ewiger Bedeutung ausgestatten Kulturtanker, die sich bislang als über alle politischen Veränderungen hinweg als veränderungsresistent erwiesen haben. Und wenn die nichts Gscheites spielen, können die KulturpolitikerInnen die Standln der Christkindlmärkte ja nicht nur rund um die bestehende kulturelle Infrastruktur bauen sondern auch gleich in sie hinein. Frei nach Heinrich Bölls etwas in Vergessenheit geratene Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ könnten sie dort das ganze Jahr über bespielt werden.
November 26, 2011
Wenn Sie einen Programmzettel der Wiener Staatsoper zur Hand nehmen, dann machen bereits die Namen der SängerInnen eindrucksvoll deutlich, wie sehr sich der Opernbetrieb internationalisiert hat. Die Aufzählung der Akteure läßt Assoziationen zu, die nicht nur nach dem traditionellen Opernland Italien weisen sondern ebenso nach dem Baltikum, nach Russland, nach den Vereinigten Staaten oder Lateinamerika. Und so etwas wie ein typisch österreichischer Name stellt mittlerweile die Ausnahme dar.
Dasselbe gilt für Tanzkompanien. Auch hier kommen die TänzerInnen in der Regel aus allen Ecken der Welt. Im Ensemble von Pina Bausch, dem Wim Wenders zuletzt in seinem Film pina – tanzt, tanzt sonst sind wir verloren ebenso ausdrucksstarke wie vielfältige Stimmen gegeben hat, finden sich KünstlerInnen aus Ostasien und Lateinamerika ebenso wie aus Griechenland und der Türkei. Sie alle hat es allen auf Grund der überragenden Stellung von Pina Bausch ausgerechnet nach Wuppertal (und von dort gemeinsam in die ganze Welt) verschlagen, von wo aus sie ihre Tourneen wiederum in die ganze Welt unternehmen.
Im Theater ist das ganz offensichtlich anders. Hier scheint der ethnische Hintergrund nach wie vor ein entscheidendes Auswahlkriterium zu sein, um auf deutschsprachigen Bühnen mitspielen zu dürfen oder nicht. Vordergründig argumentiert wird diese anhaltende Hermetik mit dem Argument der deutschen Sprachmächtigkeit, die darüber entscheiden würde, ob jemand geeignet erscheine, aufzutreten oder eben nicht. Daran ändern auch Skurrilitäten wie diese nichts, dass SchauspielerInnen aus z.B. türkischstämmigen Familien zwar in Österreich geboren sein können, nach einer professionellen Schauspielerausbildung die deutsche Sprache perfekt beherrschen doch auf Grund ihres Namens abgelehnt werden (empfohlen wird da schon mal, sich einfach einen klingenderen Künstlernamen zuzulegen).
Und schon wähnen wir uns in die Zeiten Josefs II zurückversetzt, der das Burgtheater vor mehr als 200 Jahren von einer Hofbühne zum Nationaltheater umwidmete, um so den Weg zur ersten deutschsprachigen Bühne zu ebnen. In der Folge sollte hier das deutsche Theaterschaffen sein unhinterfragbares Referenzmedium finden; eine Zuschreibung, die die grundlegenden politischen Veränderungen im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend unbeschadet überdauern sollte. Und so ist es nicht verwunderlich, dass diese Anwaltschaft bis heute nachwirkt, wenn der gegenwärtige Burgtheaterdirektor auf die Frage, warum SchauspielerInnen mit migrantischem Hintergrund auf seinen Bühnen bestenfalls Statistenrollen übernehmen dürfen, lapidar ausrichten lässt, er hätte dazu nichts zu sagen. (Die Konsequenzen dieses Schweigens zeigen sich in der Ensemble-Liste, die mittlerweile zwar tschechische und polnische Namen wie Dvorak und Lyssewski als Ausdruck erfolgreicher Integration früherer Einwanderungswellen beinhalten, nicht aber solche, die auf türkische oder arabische Herkunft hindeuten)
Die Frage an Hartmann wurde nicht zufällig gerade jetzt gestellt. Sie ist unmittelbarer Ausdruck eines demographischen Wandels, der sich nicht nur darin ausdrückt, dass mittlerweile rund 50% aller Wiener VolksschülerInnen über eine migrantische Herkunftsgeschichte verfügen sondern auch in der schieren Existenz einer wachsenden Zahl von SchauspielerInnen, RegisseurInnen und anderen Bühnenberufen mit denselben Herkunftsattributen, die darauf drängen, ihren Beruf einfach auszuüben und doch vieler Orten auf geschlossene Türen treffen.
Der Eindruck überwiegt, dass es vor allem an den großen Bühnen bislang noch ganz wenig Bewusstsein darüber gibt, welch fundamentalen Änderungen die nationalen Gesellschaften im Moment durchlaufen. Entsprechend bescheiden spiegeln sich diese sowohl in der Organisation als auch im Programminhalt derselben.
Und selbst bei den VertreterInnen von Traditionshäusern, die bereit und willig sind, sich auf diesbezügliche Diskussionen einzulassen, überwiegt die Angst, die zur Zeit noch mit Erklärungen zur Unmöglichkeit, darauf adäquat zu reagieren im Zaum gehalten wird. Als Beispiel dafür muss der Intendant des Theaters der Jugend Thomas Birkmeir herhalten, der bei einer Diskussion zum Thema “Migrant/Innen spielen auf den Sprechbühnen keine Rolle” vorige Woche in der Garage X (wo zur Zeit eine Projekt-Reihe zu “Postmigrantischen Positionen” von daskunst „Pimp my Integration“ stattfindet) wiederholt Sätze damit begonnen hat,: „Er persönlich habe ja keinerlei Berührungsängste gegenüber Schauspielern mit Migrationshintergrund, aber….“ Als Erklärung führte Birkmeir, dessen Auftrag darin besteht, jungen Menschen aus möglichst allen Gruppen der Gesellschaft einen Zugang zum Theater zu eröffnen, den Umstand an, migrante Eltern würden den Theaterbesuch ihrer Kinder unterbinden, um sie auf diese Weise vor den Einflüssen der Wiener Kultur zu schützen. Entsprechend gering sei der Anteil an migranten Jugendlichen im Publikum und so auch der Bedarf an mirgranten Identifikationsfiguren auf der Bühne.
A propos Identifikation: Einen offensiveren Weg der Beschäftigung mit dem Phänomen der Zuwanderung wählte zuletzt das Wiener Volkstheater mit der Produktion „Die Reise“. Unter Anleitung der Regisseurin der Initiative „wenn es soweit ist“ Jacqueline Kornmüller erzählen 30 Menschen ihre schrecklichen Erlebnisse in ihren Heimatländern und den Umständen, die zu ihrer Flucht nach Österreich geführt haben.
Die Flüchtlinge, die da auf der Bühne Zeugnis ihrer Unterdrückung geben, sind keine SchauspielerInnen. So eindrücklich und bewegend jede einzelne, nur sehr provisorisch von einem dramaturgischen Gedanken zusammengehaltene Schilderung ist, so wenig hat das Ganze mit „Theater“ als einem künstlerischen Anspruch zu tun. Das tut freilich der Wirkung keinen Abbruch. Immerhin verschafft es dem Publikum zumindest für einen Abend lang die Gelegenheit, sich mit den „Geknechteten dieser Erde“ um den bescheidenen Preis einer Eintrittskarte zu solidarisieren. Am Ende ist es mit dem Theater vollends vorbei, wenn die unermüdliche Flüchtlingsaktivistin Ute Bock mit ihrem Auftritt den Beifall für die Akteure absticht und um Spenden ersucht.
Es ist schwer, mit dieser Kritik nicht missverstanden zu werden. Immerhin ist all denen, die soviel Leid und Unbill erlitten haben, von Herzen zu gönnen, dass sie zumindest für einige wenige Abende ins Rampenlicht treten dürfen, um die Akklamationen des Publikums entgegen zu nehmen. Der Ärger, der während der Aufführung in mir hochgekommen ist, bezog sich naturgemäß nicht auf die Akteure auf der Bühne, sondern auf eine Dramaturgie, die es bar jedes eigenen künstlerischen Anspruchs zulässt, das Menschen auf ihre je individuelle Opferrolle reduziert werden, ohne zu einer darüber hinausgehenden Aussage zu finden.
Und so erfahren wir, dass Flüchtlinge auch auf der Bühne arm sind (und dabei doch – wie schön – ihren Lebensmut nicht verlieren) und erhalten zudem die Gelegenheit, sie zu bedauern und ihnen zu helfen. Fazit: Es bleibt alles beim Alten – aber wir fühlen uns zumindest für zwei Stunden irgendwie besser.
In diesem Bühnenarrangement bleiben all die Aspekte, die Menschen mit und ohne Flüchtlingserfahrung auszeichnen, wenn sie versuchen, in Österreich Fuß zu fassen, ausgeblendet und aus dem Blick genommen (z.B. die Qualität mancher von ihnen, gute und erfolgreiche SchauspielerInnen sein). Migrante sind nicht nur Opfer. Sie haben auch etwas zu bieten. Und die Reaktion der „Einheimischen“ auf das, was rund um sie passiert, kann sich auf Dauer auch nicht darauf beschränken, kollektiv zurückzuweisen und individuell zu bedauern und allenfalls zu helfen. Sie werden früher oder später nicht umhin können, zur Kenntnis zu nehmen, dass sich unser Gesellschaft grundlegend geändert hat, damit vielfältiger geworden ist und nicht mehr verstanden werden kann, wenn wir uns auf die Wiederholung altbekannter Geschichten unter Aufbieten der immergleichen Gesichter – auf der Bühne und anderswo – beschränken.
Auf der bereits erwähnten Diskussion hat der Erfolgsregisseur Nurkan Erpulat (sein Erfolgsstück „Verrücktes Blut“ wird im Jänner in der Garage X gezeigt) die Forderung von William Shakespeare aufgegriffen, die Bühne habe als Spiegelbild der Gesellschaft zu fungieren. Um dem zu entsprechen, haben zumal die Wiener Bühnen noch einen langen Weg vor sich. Dieser reicht von einem beträchtlichen Wandel der Belegschaften (die zur Zeit weder organisatorisch noch künstlerisch den demographischen Realitäten entsprechen) bis hin zu einer Programmentwicklung, die diejenigen Geschichten aufgreift, die das Leben der vielfältigen Zuwanderergruppen erzählt.
Bis dahin werden SchauspielerInnen mit Migrationshintergrund, die zur Zeit mehr oder weniger brüsk zurückgewiesen werden, nach Alternativen suchen. Ein aufgebrachter Diskutant aus dem Publikum meinte: „Scheiß drauf, wenn die uns nicht wollen, dann machen wir eben unser eigenes Ding“.
Dieser Ausspruch war es dann, der möglicherweise zum eigentlichen Erfolg des Abends führte. Thomas Birkmeir meldete sich noch einmal zu Wort und meinte, letztere Aussage habe ihn zum Nachdenken gebracht. Vielleicht sollte er doch noch einmal die strategische Ausrichtung seines Hauses überdenken. Die Hoffnung auf einen Programmzettel des Theaters der Jugend, der zumindest in der Vielfalt der Namen der Wiener Staatsoper gleicht, ist also noch nicht begraben. Der Beifall war Birkmeir sicher.










